Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Eine Sabbatfeier des Baalschem
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 344 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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344 Josef Popper-Lynkeus: Eine Sabbatfeier des Baalschem Er hieß nun den Kutscher etwas schneller zu fahren, damit sie gewiß noch vor Sabbatanbruch nach Hause kämen; zur rechten Zeit kamen sie an. Der Wagen hielt vor einem Vorgarten, der zum Hause des Baalschem gehörte, und dieser, etwas mißmutig, weil ihm nichts Schönes auf der Reise begegnet war, stieg vom Wagen, bezahlte den Kutscher, empfahl sich freundlichst von ihm, öffnete die Gartentüre und schritt seiner Wohnung zu. Bevor er aber noch eingetreten war, hörte er Pferdegetrappel hinter sich und immer näher kommen, und wie er sich umdrehte, sah er zu seinem Erstaunen das kleine Pferd herantrippeln. Der Baalschem rührte sich nicht von der Stelle, das brave Tier aber stellte sich vor ihn hin und begann: „Sieh doch, von dem Kutscher hast du dich so freundlich verabschiedet, obwohl er nichts anderes getan hat, als öfters mit der Peitsche zu knallen und mich mit ihr aufzumuntern, obwohl das gar nicht nötig gewesen wäre. Sonst aber saß er bequem im Wagen und ließ sich zugleich mit dir von mir ruhig fortführen. An mich aber hast du ganz vergessen. Und ich habe doch die ganze Arbeit gehabt! Ohne mich und ohne meine ordentliche Aufführung wärst du nicht nach Hause gekommen, und wenn ich nicht so fleißig gelaufen wäre, hättest du nicht vor Anbruch des heiligen Sabbat deine Wohnung erreicht. Warum hast du dich nicht bei mir bedankt? Und nicht einmal mir ein freundliches Wort zum Abschied gegeben?" Nach diesen Worten, während der Baalschem wie starr vor Staunen dastand, erhob das Pferdchen den rechten Vorderfuß, streckte seinen Huf dem Baalschem wie zum Gruß entgegen und sagte: „So sei gegrüßt und wir wollen Freunde bleiben für immer," worauf der so Angeredete ergriffen mit seiner Rechten den Huf umfaßte, tüchtig schüttelte und ausrief: „Ja, du hast wacker gearbeitet und verdienst meinen Dank! Gelobt sei der Ewige, der jede Arbeit anerkennt und belohnt und uns zu ermahnen weiß, den Arbeiter nicht zu vergessen! Gepriesen sei der Herr, der auch im Tier seine Herrlichkeit offenbart und der mich würdigte, das Sonderbarste und Schönste zu sehen!" Darauf wieherte das Pferdchen vergnügt, wandte sich um und lief zum Wagen, vor den es sich stellte und einspannen ließ. Der Baalschem aber trat in seine Wohnung, begrüßte sein Weib und stimmte dann das Lecho- Dodi, um den Sabbat zu begrüßen, mit so viel Freude und mit so heller Stimme an wie noch nie.