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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 4 · p. 234

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 4
Article
Die Judenstadt von Lublin
Date
1920-01-01
Page
234 (sequence 3)
Language
German
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234 Bemerkungen: Die Judenstadt von Lublin ihres Glanzes. Der große Krieg (1648—1660) versetzte ihr einen unheilbaren Stoß, und es begann der rasche Abstieg, Kaum waren die schweren Wunden, welche namentlich in der zweiten Periode dieses Krieges durch die Schwedenheere der Judengemeinde in Lublin geschlagen wurden, geheilt, als ein neuer, fast nicht weniger zermürbender Kampf sie bedrohte, der Kampf um die Handelsrechte im achtzehnten Jahrhundert. Bis in die Zeit der Teilungen wogte dieses unblutige und doch so furchtbar opfervolle Ringen hin und her. Nach i5ojährigem Kampfe mußten die Juden das Stadtbild räumen und sich auf den engen Raum des Ghettos beschränken, aus dem sie erst durch die Reförmgesetze des Marquis Wielopolski (1862) befreit wurden. Aber auch nachdem sie durch die bis dahin verrammelten Stadttore ihren Einzug wieder gehalten hatten, konzentrierten sie sich im wesentlichen auf die Altstadt, die zusammen mit der Judenstadt wieder ein Ghetto bildete, ein charakteristisches Ergebnis des jüdischen Gemeinschaftsgefühls, das wir auch anderwärts beobachten können. Die schweren Kämpfe um die Existenz, von denen neben dem Händler auch ganz besonders der Handwerker betroffen wurde, haben das geistige Leben in der Lubliner Judenstadt nicht zu ersticken vermocht. Daß dieses stets eine ansehnliche Höhe behaupten konnte, ist den führenden Persönlichkeiten der polnischen Jüdenheit zu danken, zu denen Lublin ein beträchtliches Kontingent stellte. Zwei Männer, typische Vertreter bestimmter Interessensphären, führt uns Balaban vor. Der eine, Abraham Heilpern, Sproß einer berühmten Familie, spielte als Gegner der Frankistenbewegung, dann in dem von der Gesamtjudenheit jener Zeit mit Spannung verfolgten Streite Emden-Eibenschütz als Verteidiger des letzteren und als einflußreicher Führer auf den Beratungen der Judenreichstage eine hervorragende Rolle. Ein echter Repräsentant jener Gemeindeoligarchie, die durch ihren Reichtum und ihre Beziehungen allmächtig war und jeden Widerstand gegen ihre Alleinherrschaft mit drakonischen Mitteln niederzuhalten wußte. Einen ganz anderen Typ stellt Jakob Jizchak Horowitz, ,,der Seher von Lublin", dar, eine jener merkwürdigen Gestalten, die nur auf dem Boden des Chassidismus gediehen. Schüler des Maggid von Miedzyrzecz, zog er als sein Sendbote hinaus, weilte eine Zeitlang am Hofe R. Elimelechs von Lezajsk, dessen Bruder R. Süsche an Jakob Jizchak Horowitz die Sehergabe entdeckte, und eröffnete dann seinen eigenen Hof in einem jener kleinen Judenhäuser in der Vorstadt Lublins Wieniewa. Der Ruf von seinen wunderbaren Prophezeiungen drang in alle Gaue der polnischen Jüdenheit, und Tausende strömten nach der stillen Klause des Sehers, um hier Trost und Rat zu finden. Seinem Einflüsse in Verbindung mit der Wirksamkeit des Kozienicers Maggid und anderer „guter Juden" schreibt die chassidische Legende die „Vernichtung" der für das Großherzogtum Warschau erlassenen Julikonstitution Napoleons (1807), welche die Gleichberechtigung der Juden proklamierte, durch den diese Verordnung für zehn Jahre suspendierenden.Erlaß König Friedrich August von Sachsen (17. Oktober 1808) zu. Bis ins neunzehnte Jahrhundert blieb Lublin eine Stätte jüdischer Gelehrsamkeit, aus der manche führenden Köpfe der Haskahlahbewegung, wie Alexander Zederbaum, der Redakteur der „Hameliz", und Jechiel Mendelsohn, der Freund vonHeinrich Graetz, hervorgingen. Der romantische Schimmer, der die Geschichte der Judenstadt von Lublin umweht, verblaßt vor der rauhen Wirklichkeit unserer Tage. Auch in die dunklen und engen Gassen der friedlichen Judenstadt hat der gewaltigste Krieg aller Zeiten Tod und Verderben gesandt. Der jüdische Militärfriedhof, auf dem österreichische und russische Juden einträchtig schlafen, ist der letzte stumme Zeuge jener fürchterlichen Tage. Nicht weit von dem düsteren Ghetto, in der Stadt selbst, herrscht schon das moderne Leben. Wie lange noch, bis auch die Judenstadt seinem Einflüsse erliegt? Versunken wäre dann die Erinnerung an die ereignisvollen Zeiten, als noch ein starkes jüdisches Leben in diesen Gassen pulsierte, hätte nicht der Griffel eines so ausgezeichneten Historikers, wie Majer Balaban, die Bilder der Vergangenheit in anschaulicher Darstellung festgehalten. Josef Meisl

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