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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 4 · p. 232

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 4
Article
Was nützt Philanthropie?
Date
1920-01-01
Page
232 (sequence 3)
Language
German
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232 Bemerkungen: Die Judenstadt von Lublin des Kampfes als Heilmittel, die schließlich der determinierten Übermacht recht gibt und so alle Ethik vernichtet. Die sozialen Ursachen des Elends müssen entfernt werden — dies aber kann nur durch religiösethische Wandlung geschehen, eine rein materielle Neuordnung der Gesellschaft wird niemals ausreichen. Hierin wissen wir uns zu Frei im Gegensatz. Der Geist allein regiert den Körper und lenkt auch die sozialen Zustände. Melr Wiener Die Judenstadt von Lublin*) Den Judensiedlungen im Osten drohen schwere Gefahren. Die eindringende Kultur vernichtet ihre charakteristischen Züge, modelt das Leben um, und wenn nicht rasch von sachkundiger Hand das noch unverfälschte Bild ihrer Eigenart festgehalten wird, verständnisvolles Interesse die historischen Urkunden und Denkmäler bewahren helfen wird, so ist Unwiederbringliches verloren. Majer Balaban, der bereits durch seine Arbeiten über die Juden in Lemberg und Krakau sich besonders hohe Verdienste um die Erforschung der alten Judenstädte in Polen erworben hat, verfolgt in der vorliegenden Schrift ein ähnliches Ziel. Eine „Kriegsarbeit" nennt sie der Verfasser, weil sie während des Krieges, der Balaban nach Lublin verschlagen hatte, in den wenigen Mußestunden, die ihm seine Berufstätigkeit freiließ, unter den größten Schwierigkeiten entstanden ist. Der Mangel an wissenschaftlichen Hilfsmitteln veranlaßte Balaban den Gedanken einer Geschichte der Juden in Lublin von vornherein auszuschalten; er wollte vielmehr eine Topographie der Judenstadt und gewissermaßen als Einleitung eine Anzahl von Bildern aus der Geschichte der Lubliner Juden bieten. Diese historischen Bilder, welche durch zahlreiche Zeichnungen des Architekten Karl Richard Henker aus Charlottenburg, den ebenfalls der Krieg nach Lublin geführt hatte, lebendiger Wirklichkeit näher gebracht werden, machen den Haupteil des Buches aus, das damit weit über die allzu bescheidene Klassifizierung einer „Kriegsarbeit" zu einem wichtigen Beitrag *) Die Judenstadt von Lublin von Majer Balaban mit Zeichnungen von Richard Henker, Jüdischer Verlag, Berlin, für die Kenntnis der polnischen Ghetti geworden ist. Was wir bislang über die jüdische Gemeinde in Lublin wußten, ist nicht allzuviel. Das bekannteste Werk von Nissenbaum „Lekoroth hajehudim be Lublin" (1899) enthielt weniger eine Darstellung der Schicksale der Juden in dieser Stadt als eine Sammlung von Grabinschriften und Biographien berühmter jüdischer Männer aus Lublin mit Ergänzungen von David Kaufmann, Harkavy und Sal.Buber. Es war nach vielen Richtungen unzureichend, immerhin als Materialiensammlung brauchbar, die durch verstreute Angaben in einigen polnischen und hebräischen Werken noch ergänzt werden konnte. Alle Versuche zur Geschichte der Juden in Lublin sind über schüchterne Anfänge hinaus nicht gediehen, so daß Balaban uns als erster einen tieferen Einblick in die wechselvollen Geschicke dieser Judengemeinde, die lange Zeit eine führende Rolle spielte, gewährt. Lublin gehört zwar zu den ältesten Städten Polens, doch die Judengemeinde ist jüngeren Datums und reicht kaum weiter als bis in die zweite Hälfte des XV. Jahrhunderts zurück. Im Zeichen des Kampfes um die Rechtsstellung und wirtschaftliche Behauptung stehen die Anfänge der Lubliner Gemeinde, die damit den dornenvollen Weg der meisten polnischen Judenstädte wandeln mußte. Wie anderwärts setzten sich die Juden schließlich durch und spielten im Handel und Gewerbe eine große Rolle. Aber nicht darum ist Lublin eine „Mutter in Israel" geworden, sondern weil die im Jahre 1567 auf Grund eines königlichen Privilegiums errichtete Talmudschule durch ihre großen Lehrer, wie den ersten Rektor R. Salomon Luria (Marschal), Mardechai Jaffa (Baal Lebuschim), Melr Lublin (Maharam Lublin), Samuel Elieser Halevy Eideies (Maharscha) und andere eine der bedeutendsten und einflußreichsten Pflegestätten des jüdischen Geistes geworden ist. Mit dem wirtschaftlichen Aufblühen des Landes vollzog sich auch der Aufstieg Lublins, das zu einem hervorragenden Mittelpunkt des Handels im ganzen Osten wurde. Was auch von seiten der Bürgerschaft unternommen wurde, um die Juden von diesem Aufstieg möglichst auszuschalten, sie ver-

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