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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 4 · p. 231

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 4
Article
Was nützt Philanthropie?
Date
1920-01-01
Page
231 (sequence 2)
Language
German
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Bemerkungen: Was nützt Philanthropie? 231 abgewälzt werden. In seinem Buche „Jüdisches Elend in Wien"*) entlarvt Bruno Frei nicht allein die sozialen Mißstände dieser Judengemeinde, sondern die Lüge des von Selbstgefälligkeit triefenden Selbstlobes der „rachmanim bene rachmanim". Wer von der Philanthropie, speziell der jüdischen, im Ernst etwas hoffte, wird sich beim Lesen dieser infernalischen Tatsachenbilder rasch zur Ablehnung der Wohltäterei als Allheilmittel bekehren. Die jüdische ist wie die nichtjüdische Philanthropie eine abgenötigte Abfertigung, ein korrumpierendes Schweigegeld. Deren Triebfedern sind: billige Rührseligkeit, schlechtes Gewissen und Furcht und gewöhnliche Eitelkeit. Philanthropie könnte auch beim besten Willen nur das Augenblickselend lindern, weil sie den Ursachen und Ursprüngen der sozialen Mißstände nicht nachgeht, um sie zu beseitigen — nicht nachgehen darf, ohne die eigene Existenzberechtigung in Frage zu stellen. „In der Tat ist die jüdische Wohltätigkeit trotz der Mittel, die im Verhältnis zur nichtjüdischen sehr groß zu nennen sind, dem Problem des Elends gegenüber völlig machtlos. Sie muß es trotz des großen Aufwandes sein, weil die Wohltätigkeit das fertige Elend abspeist, seine Entstehung nicht verhütet." „Aufklärung tut not," sagt Frei. „Was aber dann," fragt er, „wenn sie (die verschiedenen Wohltäter) »interessant* finden werden, was erschütternd ist, wenn sie mit Wohltätigkeitskränzchen (womöglich mit Konzertbegleitung von Invalidenkapellen) auf den Hungerschrei der Verzweifelten antworten werden? Dann wird ihr Untergang dem ewig ungewarnten Menschengeschlecht das Walten einer sittlichen Weltordnung kundtun. Und niemand wird verschont bleiben. Eine Voraussage, die noch vor wenigen Jahren als blanker Unsinn verschrieen, immer mehr und mehr und mehr greifbare Formen anzunehmen beginnt. Die Tauben vernehmen den Donner des nahenden Erdbebens nicht. — Es kann aber nicht sein! Der Mensch ist gut; er bedarf nur der schlichten und anschaulichen Aufklärung, um zu unterscheiden zwischen dem Rechten und dem Schlechten, Denn Wissen *) „Bilder und Daten", R, Löwit Verlag, Wien. um das Böse ist schon der Weg zum Guten." „Was hauptsächlich fehlt, ist Tatsachenkenntnis. Theorien gibt es mehr als genug." Der Verfasser erklärt, keine Vorschläge zur Abhilfe machen zu wollen. Dann hätte er sich jedoch allein auf die Schilderungen des Elends beschränken sollen. So aber wirkt sein an sich richtiger Hinweis auf die Möglichkeit, die Tatsache des jüdischen Elends apologetisch zum Schutze des Judentums zu verwerten, ziemlich fatal, beinahe ebenso wie die jüdische Philanthropie, der das Elend kaum mehr als ein Beschäftigungsgegenstand und Objekt der Rührung ist. Man kann keine Therapie für schlecht erklären, wenn man eine andere nicht an ihre Stelle zu setzen weiß. Frei schreibt: „Hillels Ausspruch ,Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Dies ist Gesetz, alles andere nur Kommentar* besagt gar nichts über die Erfüllung oder Nichterfüllung der primitivsten Forderungen der Sittlichkeit seitens irgend eines jüdischen Bankdirektors aus dem 20. Jahrhundert. Die Lehre bedarf der Verteidigung nicht. Der Verteidigung bedürftig sind die heute lebenden Juden. Die wirksamste Widerlegung aller Angriffe wirtschaftlicher Natur gegen sie als Gesamtheit ist die Klarstellung der Tatsache des jüdischen Elends." Eine Schlußfolgerung zieht jedoch der Verfasser: „Ein neues Licht wird fließen in das Dunkel des Ghetto, wenn alle die neue Erkenntnis fest und unerschütterlich besitzen werden. Die Erkenntnis der wahren Gegensätze. Nicht Jud und Christ, nicht Germanen und Slaven, auch nicht Deutsche und Engländer, sind die wahren Feinde, nicht Konfessionen und Nationen befehden einander unverhetzt. Nur der wirtschaftliche Gegensatz, der Klassenkampf ist der allein berechtigte Krieg. Der jüdische und arische Kriegsgewinner gegen den jüdischen und arischen Kriegsverlierer. Dies ist die Front von heute. Die gerechte Front. Wehe aber, wenn der ungerechte Streit ausgefochten wird! ,Denn eher soll die Menschlichkeit aufhören zu existieren, bevor die Gerechtigkeit untergeht,' sagte einst Kant." Schon bei Marx beklagen wir die blutigtragische Paradoxie. Vom reinsten Ethos getrieben gelangt er doch schließlich und seine Anhänger mit ihm zur Anerkennung

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