Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Geschichte der österreichisch-jüdischen Kongressbewegung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 214 (sequence 11)
- Language
- German
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214 Albrecht Hellmann: Die Geschichte der österr.-jüdischen Kongreßbewegung gramm der we st österreichischen Zionisten, geschweige denn für das des österreichisch-jüdischen Kongresses als möglich ansehen können, Begründung und nähere Ausführung dieser Stellungnahme und der anderen damit zusammenhängenden fragen muß dem nächsten Artikel vorbehalten werden. Hier lag der Differenzpunkt, an dem noch vor dem Zusammenbruch Österreichs der letzte umfassende Organisationsversuch des österreichischen Judentums gescheitert ist. Zur Feststellung des Majoritäts- oder Minoritätsverhältnisses innerhalb der westösterreichischen zionistischen Organisation und zur Auseinandersetzung über die Programmfrage des Kongresses wurde am 28. April 1918 ein Parteitag nach Wien einberufen. Eine Klärung erfolgte aber auch da nicht. Es kam wieder zu einem Kompromiß, da die leider etwas unpräzise und auch mißverständliche Resolution der bereits erwähnten Prager Vertrauensmännertagung zum Kongreßprogramm auch von der sogenannten Wiener Richtung akzeptiert werden konnte. Ihr erster Satz lautete nämlich: „Anerkennung und Sicherung der (?) nationalen Rechte derjenigen Teile des jüdischen Volkes, welche seit jeher in geschlossenen Gruppen leben und diese Rechte wünschen." Es folgt dann die Forderung nach Durchführung der bürgerlichen Gleichberechtigung und die nach dem Recht für alle Juden, sich zur jüdischen Nation zu bekennen. — Eine schwere Erkrankung verhinderte mich, am Parteitag teilzunehmen und auf eine endgültige und unzweideutige Klärung und Entscheidung der Kongreßfrage und damit eigentlich auch der innerpolitischen Betätigung der westösterreichischen Zionisten zu drängen. Aus derselben Ursache und weil eine Einigung oder sonst eine Auseinandersetzung unmöglich schien, mußte ich mich von der Arbeit zurückziehen. Und* da von keiner anderen Seite ein Versuch unternommen wurde, die Arbeit fortzusetzen, bedeutete der letzte Parteitag der westösterreichischen Zionisten auch den Abschluß dieses letzten Kapitels der österreichisch-jüdischen Geschichte. Aber wenigstens die theoretische Arbeit der Kongreßbewegung war nicht vergeblich. Sie bildete die Grundlage der politischer Arbeit besonders in der Tschechoslowakei und ihren Ergebnissen ist es hauptsächlich zu danken, wenn die programmatischen Forderungen der tschechoslowakischen Nationaljuden, deren hervorragendste ja bereits erfüllt ist, den unendlichen Schwierigkeiten einer nationalen jüdischen Politik in diesem Staat und den Lebensinteressen seiner jüdischen Bevölkerung gerecht wurden. Wie hier nach bewußten Grundsätzen des Programms und der Theorie nahm auch in den anderen Sukzessionsstaaten die nationaljüdische Politik praktisch denselben Weg. Schließlich war dies ja auch bei der Nationalitätenpolitik der anderen Völker und Parteien nicht anders. Nirgends ist der Unterschied zwischen Theorie und Wirklichkeit stets größer gewesen als in der Nationalitätenfrage.