Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden in Sibirien
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 186 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Die Juden in Sibirien 186 Die weite Freiheit des Landes, die Unendlichkeit aller Perspektiven, die Entfernung der Hauptstädte, die Einsamkeit der Kolonisten, all das hat den Sibiriaken geistig freier und körperlich größer als seinen europäischen Stammesgenossen gemacht. Diese Eigenschaft teilen auch die Juden mit den übrigen Sibiriaken. Der sibirische Jude, der schon seit zwei oder drei Generationen in Sibirien ansässig ist, ist in seinem ganzen Auftreten und Wesen von den Juden des Ansiedlungsrayons verschieden. Er ist größer und breitschultriger, man trifft wahre Hünen unter ihnen, sein Gang ist würdiger und aufrechter. Er ist das Leben unter Nichtjuden gewohnt, lebt oft als einziger Jude unter russischen Bauern, wird von ihnen ob seiner menschlichen Eigenschaften hoch geachtet, lebt in der Natur und mit ihr und hat in seinem ganzen Wesen das Einfache und Freie eines bäuerlichen Menschen angenommen^ Es fehlt ihm auch völlig jene kriechende Demut, die dem Juden in Westrußland oft eigen ist Er scheut eine Prügelei nicht und weiß sich mit seinen Fäusten Respekt zu verschaffen. Obwohl diese Juden von allen jüdischen Zentren abgeschnitten leben, oft in ganz kleinen Gruppen oder vereinzelt, und auch zwischen den größeren Gemeinden die Entfernung oft tausend Kilometer beträgt, sind sie doch dem Judentum treu geblieben, und ihr Empfinden ist ein jüdisch bewußtes, obwohl die jüngere Generation durch den Einfluß der Umgebung von vielen Einzelheiten der traditionellen Gesetze weit abgerückt ist. Unter der jüngeren Generation ist auch der Gebrauch des Jargons sehr zurückgegangen und das Russische die ausschließlich herrschende Sprache geworden. Das alte Streben des Moskauer Reiches war, die Juden von dem eigentlichen Großrußland fern zu halten. Insbesondere aber ging die Administration daran, Sibirien judenrein zu erhalten. Dennoch besitzen wir Nachrichten aus verhältnismäßig früher Zeit von dem Eindringen einzelner Juden nach Sibirien. Das erste Mal scheint es im Jahre 1658 gewesen zu sein. Damals wurden einige Juden, die in den deutschen Handelshöfen im deutschen Vorort Moskaus lebten, aus Moskau aus unbekannten Gründen nach Sibirien verbannt. Julius Hessen gibt in der russischen jüdischen Enzyklopädie als wahrscheinlichen Grund den Umstand an, daß diese Juden während des russisch-polnischen Krieges als Kriegsgefangene nach Moskau gekommen wären, und da Juden in Moskau damals kein Wohnrecht hatten, nach Sibirien weitergeschickt wurden. Nach einem anderen Dokument müssen schon vor 1635 einzelne Juden in Sibirien gewesen sein, die ebenfalls als Kriegsgefangene hinkamen und, wie aus den Verfügungen de*r Administration hervorgeht, zum Teil sich taufen ließen, russische Kolonistentöchter heirateten und das Recht erhielten, im Staatsdienste dort zu bleiben. Ein regerer Zustrom von Juden nach Sibirien begann erst an der Grenze des 18. und 19. Jahrhunderts. Auch diese kamen nicht freiwillig. Damals wurden in Transbajkalien die Bergwerke für schwere Sträflinge eröffnet, und in Fesseln und unter Militärbedeckung kamen damals auf dem unendlich langen Etappenwege über den Ural und die breiten sibirischen Ströme die ersten Juden nach Sibirien, deren Nachkommen noch heute in bekannten Irkutsker jüdischen Familien leben. Diese gewaltsam Deportierten erhielten oft das Recht, sich ansässig zu machen, und erlangten Pässe, die ihnen die Bewegungsfreiheit innerhalb des bestimmten Guberniums gestatteten. So geschah es, daß im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts bereits in verschiedenen Dörfern und Städtchen Sibiriens jüdische Gruppen entstanden, deren Lebenserwerb Ackerbau oder Fuhrmannsgewerbe bildeten. Im Jahre 1817 wurde auf das Gesuch der Kansker Judengemeinde den sibirischen Juden erlaubt, mit den Mädchen der eingeborenen heidnischen Stämme in die Ehe zu treten. Der sibirische Generalgouverneur, der dieses Gesuch vor der Petrograder Behörde unterstützte, wies besonders auf den Arbeitsfleiß und den untadeligen Lebenswandel der Juden hin. Interessant ist an dieser Erscheinung, daß wie in allen neuen Kolonisationsländern Weibermangel unter den Kolonisten herrschte und die Juden zu Mischehen mit den völlig fremdrassigen Eingeborenen schritten. Nicht anders taten es die christlichen russischen Kolonisten. Diese Frauen, meist aus dem turkotartarischen Stamme der Kalmüken, traten beim Eheschluß zum Judentum über.] Im Jahre 1836 ging die russische Regierung daran, jüdische Ackerbaukolonien im'Tobolsker Gouvernement und im Omsker Bezirk zu gründen, entsprechend der allgemeinen Tendenz der Zeit Nikolaus I., die in einer Umschichtung der Juden zu produktiven, insbesondere agrarischen Berufen ein Mittel ihrer leichteren Verschmelzung mit dem bäuerlichen Rußland sah. Es meldeten sich trotz der Schwierigkeit der Kommunikation mehrere Tausende, doch gelang es nur, 1367 anzusiedeln, da Nikolaus I. bald anderen Sinnes wurde und den Zuzug der Juden nach Sibirien zu furchten begann. Er zog es vor, die Juden im Gouvernement von Cherson und im übrigen europäischen Rußland anzusiedeln. Zugleich versuchte auch die Regierung, die strafweise Verschickung nach Sibirien einzuschränken. Es wurde der Befehl erteilt, nur