Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Arthur Ruppin
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 167 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen: Arthur Ruppin 167 Es ist kein Wunder, daß sich unter den Verurteilern des alten und den Verkündern des neuen Wegs, unter den Führern der Revolutionen stets Juden finden. Kraft seiner Unbedingtheit der sittlichen Forderung, die kein Sich-Abfinden dulden will, sieht der Jude das Weltbild immer wieder unrein, vom Ideal entfernt, und ist darum immer wieder bereit, es zu zerschlagen, um auf seinen Trümmern ein neues zu errichten. Die Kraft seines Hasses gegen das Unzulängliche, die Kraft seiner Liebe zu dem Vollendeten gibt ihm das Wort ein, mit dem er die Massen an das andre Ufer wirft. Er ist der Prophet, dessen Wirken in dem Augenblick beendet ist, da er seinen Prophetentraum sich erfüllen oder an der Wirklichkeit der Dinge zerschellen sieht. Der Mann des zweiten Wegs ist der Organisator. Sein Wirken beginnt erst, wenn die Massen an einem andern Ufer angelangt sind und dort seßhaft werden möchten. Sein Werk ist es, die Menschen den Weg entlang zu führen, der seiner Idee entspricht. Er muß alle Elemente, die ihm aus dieser Masse entgegenströmen, fassen und ordnen. In jedem Augenblick muß er der Wirklichkeit ins Auge sehen und sie so umzugestalten suchen, wie die Idee es fordert. Wie heiß auch sein Herz dem Ideal entgegenschlagen mag — sein Kopf muß kühl bleiben, damit er die Beziehung zum Gegenwärtigen nicht verliere. Sein Werkzeug zur Bewegung der Massen ist der Verstand, wenn auch der Motor, der diesen Verstand in Tätigkeit setzte, der Geist ist. Seine Äußerung ist nicht das Wort, sondern die Tat. Fast alle Eigenschaften, die den Massenorganisator zu seinem Amte geeignet machen, stehen im Zusammenhang mit dem starken Wirklichkeitssinn, dem Erleben der Erscheinungswelt, die dem Westeuropäer eignet. Ob der Jude zum Ordnen der Massen geschaffen ist, muß sich noch erweisen. In den Jahrtausenden seines Lebens unter den Fremden hat er seine Begabung hierfür nicht erproben können. Wohl konnte er durch prophetische Bilder die Massen aufrühren, aber zur Einrichtung der neuen Ordnung wurde er fast nirgends hinzugelassen. (Ausnahmen allerjüngster Zeit sind noch allzu zufällige Erscheinungen, um schon zur Lehre dienen zu können.) Aber auch innerhalb des Judentums selbst ist in den Zeitläufen der Zerstreuung niemals Entfaltungsraum für Organisatoren der Masse in ihrer konkreten Existenz gewesen. Die Massengliederungen des Diasporajudentums waren hervorgerufen nicht durch Willen von innen, sondern durch Willen von außen und niemals vom eignen Streben der Masse nach Zusammenfassung aller in ihr wogenden Kräfte beseelt. Im Zionismus ersteht die erste von innen heraus beseelte Bewegung jüdischer Massen zu einem neuen — räumlichen und geistigen — Ziel. Die erste Phase des Zionismus ist die Revolutionierung der jüdischen Masse, ihre Ablösung vom diesseitigen Ufer. Eine Fülle markanter Persönlichkeiten tritt auf: lauter von einem Ideal Besessene, die mit der Gewalt ihrer Aussage über dieses Ideal die Massen wecken. Eine konstruktive Begabung, die Fähigkeit, dem Traum bis in kleine Einzelheiten hinein Wirklichkeit zu geben, zeigt sich nur bei einem: bei Theodor Herzl, aber ihn rafft das Schicksal hinweg, ehe er noch erweisen kann, ob in ihm die Kraft des Gestaltens der Kraft des Schauens entspricht. In dem Augenblick, da der Zionismus sich anschickte, ein lebendiges Abbild seines Traums zu schaffen, machte sich der Mangel an konstruktiven Kräften fühlbar. Die in Palästina beginnende Kolonisation bleibt zufällig und zusammenhanglos. Gute Einzelpläne blieben ungenützt, schlechte Methoden wurden angewandt, weil es am klaren System fehlte. Man fühlte die Notwendigkeit des Auftretens einer Persönlichkeit, die klug genug wäre, um das Zufällige nach Gesetzen zu regeln, das Brachliegende zu bebauen, das Schädliche zu entfernen. Und die genügend Hingabe an das Ideal besäße, um das alles auf einer noch ganz ungefestigten Grundlage zu^tun,' die jeden Tag zusammenstürzen kann. Man sah niemanden im jüdischen Kreise, der sich als Former eines neuen Landes v und einer neuen Gemeinschaft schon hätte bewähren können; man war bereit, es mit jemandem zu versuchen, der sich als Or-