Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Von westjüdischen Schriftstellern
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 158 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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BEMERKUNGEN Von westjüdischen Schriftstellern i. Im letzten Jahrgang des „Juden" berührt Hugo Bergmann eine Frage, die für uns, die wir uns innerhalb der Grenzen des hebräischen Wortes befinden, besondere Wichtigkeit hat. Den Forderungen Bergmanns ist unbedingt zuzustimmen. Sie haben einen doppelten Wert: für den jüdischen Schriftsteller im Westen und für den hebräischen Leser im Osten. Aber gerade diese Wichtigkeit zwingt mich, gewisse Fragen und Begriffe, die diese Forderungen betreffen, zu klären. Denn trotz aller Einfachheit der Forderung, die sich bei dem Westjuden, der nach völligem Eintritt in das Zentrum des jüdischen Lebens strebt, von selbst versteht, ist die Angelegenheit doch nicht sehr einfach, sobald man zur Verwirklichung übergeht. Und darüber, daß sie in einzelnen Fällen verwirklicht werden wird, besteht bei mir nach dem letzten Zusammentreffen unserer jungen Kräfte in Prag kein Zweifel mehr. Hugo Bergmann fordert nur eine Kleinigkeit: Schriftsteller des Westens, schreibt hebräisch! Wenn ihr nicht an die Möglichkeit glaubt, so seht euch Jabotinsky an. — Es ist nicht überflüssig, einiges über Jabotinsky zu bemerken. In seiner Beherrschung der russischen Sprache und des russischen Stils beinahe ein russischer Stilist (bei einem jüdischen Schriftsteller ist das nichts Geringes), ein junger und wacher Journalist, der ständig mitten im russischen Leben stand, hat sich dieser Mann ganz allmählich in das jüdische Leben in solchem Maße hineingefunden, daß er beinahe Rußland und dem russischen Leben innerlich fremd wurde. Das war anfangs ein Opfer, aber allmählich wurde es zu einer natürlichen und einfachen Sache. Ja, als Jabotinsky nachher manchmal über russische Angelegenheiten schrieb, fand er sich nicht mehr zurecht Es fehlte das Temperament, das Zusammenhangsgefühl; sein Talent war verarmt. Seine russische Sprache hatte einen Schimmer von Schönheit und Aufschwung nur dann, wenn er über jüdische Dinge schrieb, in russischen Angelegenheiten war seine Sprache nicht lebendig. Sie war irgendein Mischmasch, dem Physiognomie und Seele fehlte. Als er zum Hebräischen überging, brachte er sein ganzes geistiges Besitztum mit. Dieser Mensch, dem es nicht gelang, Bialik auf Russisch in seiner Übersetzung wiederzugeben, übertrug in wunderbarer Weise den Raben von Edgar Poe ins Hebräische. Ich will nicht behaupten, daß Jabotinsky im Hebräischen von jeder Fremdartigkeit frei ist. Im Gegenteil — er brachte vieles aus seiner früheren Welt mit. Das Streben nach jüdischem Inhalt und jüdischer Form schärfte gleichsam auch die andere Seite in ihm, die seiner Vergangenheit. Aber diese wandelte sich, und allmählich spürt man bei ihm eine Verschmelzung. Bisweilen glaubt man ein harmonisches Geschöpf vor sich zu sehen, das auf einer anderen Fläche steht als wir hier drinnen. Nur daß diese Fläche wahrscheinlich allmählich von unserem Bezirk umschlossen werden wird. Denn hier ist eins zu betonen: Jabotinsky ist mehr hebräischer Schriftsteller als hebräischer Leser. Beim Schreiben, das Konzentration erfordert, ist manchmal ein Schaffen auch ohne völlige Freiheit möglich; ein Mensch kann auch geben, indem er sich selbst zwingt, während man aufzunehmen und zu erwerben nur in Freiheit vermag. Und aus Mangel an Sprachbeherrschung beim Lesen (wahr-