Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 156 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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156 Martin Buber: Tätigkeit wieder aufzunehmen. Unter den Kurgästen gibt es manche, die stets denselben Kurort aufsuchen und viele Jahre hindurch das Amt des Gabbai versehen. Man findet viele, die mit aufopferndster Hingabe und ohne Rücksicht auf ihre eigene Erholungsbedürftigkeit ihr schweres und mühevolles Amt zugunsten ihrer armen Brüder verrichten. Über die Geldgebarung der Gabbaim werden genaue Rechnungen geführt, die von den einzelnen Mitgliedern gegenseitig überprüft werden. Insofern in ganz besonderen Fällen das von den Gabbaim gewährte. Wochengeld zur Bestreitung der für den Kurgebrauch nötigen Ausgaben nicht genügt, werden überdies von einzelnen Kurgästen separate Geldsammlungen veranstaltet. Nach der Beendigung der Kur wird auch, falls es notwendig erscheint, für die Kosten der Heimreise der Armen Sorge getragen. Unzählig ist die Zahl der Leidenden und Kranken, die dank der den frommen und warmfühlenden jüdischen Herzen entsprungenen einzigartigen Institution der Gabbaim Gesundung finden und ihren Familien wiedergegeben werden können. So findet der arme und hilfsbedürftige Kranke in der Fremde wie zu Hause Stütze und brüderliche Fürsorge. Die außerordentlich mannigfaltigen Formen, die der Trieb zur Erhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit unter den Ostjuden herausgebildet hat, stellen sich als eine natürliche innere Reaktion gegen die Leben und Gesundheit untergrabenden äußeren Einflüsse dar, wie sie die unnatürlichen und aller hygienischen Ordnung spottenden Lebensverhältnisse der Ostjuden mit sich bringen. Sie zeugen nicht nur für das jüdische Herz, sondern auch für die Stärke dieses vitalen Triebes, der in der Lebensbejahung und optimistischen Lebensfreudigkeit, die dem Geiste der jüdischen Tradition wie dem jüdischen Wesen und der jüdischen Weltanschauung innewohnen, tief begründet ist. MARTIN BUBER/ZWEI WUNDER¬ GESCHICHTEN Die falsche Antwort Es wird erzählt: Als Rabbi Wolf, ehe er ins heilige Land fuhr, von seinem Meister Abschied nahm, berührte ihm der Baalschem mit dem ausgestreckten Zeigefinger den Mund und sprach: „Achte auf deine Worte, und daß du zu antworten wissest!" Mehr zu sagen verweigerte er. Das Schiff, auf dem der Schüler des Baalschem war, wurde von einem Sturm verschlagen und mußte an einer unbekannten und dem Anschein nach wüsten Insel landen. Bald legte sich das Unwetter, doch das Fahrzeug konnte eines erlittenen Schadens wegen noch nicht wieder in See stoßen. Einige Reisende, unter ihnen Rabbi Wolf, gingen ans Land, um sich die wunderlich fremde Gegend zu besehen. Die andern kehrten nach einer Weile um; er