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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 2 · p. 113

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 2
Article
Krisis der Demokratie?
Date
1920-01-01
Page
113 (sequence 4)
Language
German
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Umschau: Politik "3 dischen Repräsentanten ist die Neigung zur Kritik und die Abneigung gegen jeden blinden Autoritätsglauben in der jüdischen Seele doch so stark, daß der demokratische Grundgedanke der Gleichheit aller Menschen in Palästina sicherlich sich restlos durchsetzen wird» Die jüdische Hochschätzung des Geistesadels und der darauf beruhende Abstammungsstolz steht mit dieser demokratischen Einstellung nicht im Widerspruch. Es handelt sich ja (wie in einem früheren Jahrgang dieser Zeitschrift bereits ausgeführt wurde) bei dem demokratischen Gleichheitsgedanken nicht um eine mechanische Gleichheit. — Weit schwieriger und tiefer ist die Frage nach dem Verhältnis zwischen der demokratischen Idee und dem Auserwähltheitsglauben, einem der tiefsten jüdischen Gedanken, dessen wahrem Sinn erst jüngst wieder Richard Beer-Hofmann einen dichterisch empfundenen, also wohl nicht als bloß dialektischen Interpretationsversuch zu wertenden Ausdruck in „Jaakobs Traum" gegeben hat. 3- Ist es Willkür, die .Frage, ob außer den Angehörigen der zionistischen Organisation auch die Nichtzionisten sich an dem Aufbau der jüdischen Heimstätte in Palästina beteiligen sollen, aus dem Gesichtswinkel des demokratischen Problems zu betrachten? Aber manche Übereinstimmung dieses jüdischen Detailproblems — dessen eingehenden Besprechung seiner nicht außenpolitischen, sondern intern zionistischen Natur wegen in den Rahmen der Rubrik „Zionismus und nationale Bewegung" gehört — mit der allgemeinpolitischen Frage der Demokratie würde darauf hinweisen, daß hier im Grunde nur ein und dasselbe Problem vorliegt. Es ist eigentlich das gleiche Problem wie das von der Revolution als Rechtsquelle, d.h. von der Berechtigung des engeren Kreises der revolutionären Klasse oder Nationalität, auch nach Vollendung ihrer rechtschaffenden revolutionären Tat noch allgemein gültiges Recht setzen zu dürfen. Solange die Feinde der Revolution infolge der mit dieser verbundenen Erschütterung in ihrer Teilnahme an der politischen Willensbildung gelähmt sind oder solange sie sich selbst durch Abstinenz oder Sezession von dieser staatsschöpferischeh Tätigkeit ausschließen, muß auch nach den Grundsätzen der Demokratie die ausschließliche Berufung der Schöpfer der neuen Rechtsordnung, diese nach ihrem alleinigen Gutdünken aufzubauen, anerkannt werden. In demselben Augenblicke aber, da die genannten Hemmungen und Hindernisse wegfallen, wird, was bisher unvermeidliches Notrecht war, zu Willkür und unerträglicher Vergewaltigung. Man kann diesen Grund- Heft 2, satz folgerichtig auch auf die Notwendigkeit, nicht bloß Erwünschbarkeit, anwanden, alle Juden in dem Zeitpunkt zum palästinensischen Aufbauwerk heranzuziehen, da durch die revolutionierende Tat der Zionisten die rechtlichen Vorbedingungen dazu erreicht wurden. Wenn man aber andererseits in Aussicht nimmt, die zionistische Organisation einfach aufzulösen und an ihre Stelle das „organisierte" jüdische Volk zu setzen, wie dies wirklich von verschiedenen Zionisten vorgeschlagen wird, so verrät das eine kaum glaubliche Naivität und einen absoluten Mangel an Verständnis für jene menschlichen, moralischen und jüdischen Werte, die nach unserer Ansicht den wirklichen Zionisten von allen anderen Juden unterscheiden müßten. Man kann die Unmöglichkeit dieser Forderung dadurch illustrieren, daß man sich eine ähnliche Zumutung etwa an die sozialistischen Parteien in Deutschland nach dem Erfolg der Revolution gestellt denkt. Nicht tief genug ist es zu beklagen, daß sogar Zionisten in führender Stellung einen solchen Vorschlag vorbringen zu können glauben, ohne befürchten zu müssen, daß sie selbst nicht mehr ernst genommen werden. Daß die Möglichkeit, eine wirklich allumfassende und international anerkannte jüdische Volksvertretung für das Palästina-Werk ins Leben zu rufen, sehr gering ist, ergibt sich aus allgemein politischen Gründen, die nicht die Zionisten, sondern die Assimilanten und Indifferenten ins Treffen führen dürften. So gern sich vielleicht diese Kreise, finanziell, moralisch und persönlich, an der Palästina- Kolonisation beteiligen würden, so wenig werden sie es in politiscner Hinsicht tun. Es ist ein Unterschied, ob eine wenn auch interterritorial verbreitete politische Bewegung und Partei sich einen internationalen Vertretungskörper schafft, oder eine in der ganzen Welt als Minderheit verstreut lebende Nation als solche. Und bekanntlich haben gerade die nichtnationalen jüdischen Kreise für die Gefahren einer solchen politischen Gesamtrepräsentanz eine besonders gute Witterung. Der Selbstmord der zionistischen Organisation wäre also auch vom Standpunkt der Förderune: der Palästina-Arbeit nutzlos; er ist das beste Mittel, die Gelder und Kräfte, die wir gerade von nichtzionistischer Seite zu erhalten wünschen, nicht zu bekommen. Inwieweit die hier vorausgesetzte Haltung der Nichtzionisten gegenüber einer politischen Vertretung des ganzen jüdischen Volkes in Gestalt einer völkerrechtlich anerkannten Institution in Wirklichkeit berechtigt ist, dies zu untersuchen wäre angesichts der besonderen Bedeutung und Wichtigkeit der Frage Gegenstand einer eigenen Betrachtung. Siegmund Kaznelson 8

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