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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 63

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 1
Article
Presserundschau
Date
1920-01-01
Page
63 (sequence 2)
Language
German
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Umschau: Presserundschau 63 flüchten — es sei denn ins Jenseits. Der deutsche Jude hat aber neben dem Deutschtum, das er beansprucht, immer noch sein Judentum. Er kann sich flüchten. (Ob er es will, ist hier nicht die Frage, er kann es; darum ist er innerlich freier, ist er nie so gebunden wie der Deutsche.) Der Deutsche ist mit dem Wohl und Wehe des Deutschtums unlösbar und rettungslos verkoppelt. Ist er nicht mehr Deutscher, so ist er nichts mehr. Dem deutschen Juden aber bleibt bei der Auflösung der deutschen Kultur und Geschichte immer sein Judentum und seine jüdische Geschichte. Darin liegt ein ungeheurer Unterschied, der sich stets offenbaren wird, wo es auf eine entscheidende Tat ankommt, wo praktische Entscheidungen aus letzten Instinkten und tiefsten Notwendigkeiten heraus zu treffen sind, ganz besonders in politischen und militärischen Lagen, wo es um alles oder nichts geht. Der eine muß, der andere kann. Wenn während des Krieges fast alle Juden, sogar fast alle Halbjuden, Pazifisten wurden, auch die, welche sich vorher fürs „Preußentum" begeisterten, so hat das doch nicht seinen Grund nur in einer etwaigen höheren Moralität des jüdischen Blutes. Für sie gab es eben kein letztes tragisches Muß, keine letzte Härte im Allerzartesten. Sie hatten es so sehr viel leichter, „moralisch" zu sein. Zu sein? Wenigstens moralisch zu denken." Von hier aus bis zu einem auch die staatsbürgerlichen Rechte der Juden antastenden Antisemitismus ist allerdings nur ein Schritt. Stapel selbst vermag trotz seines betonten Willens, nur ehrlich und offen die völkischen Verschiedenheiten festzustellen, sich von dem fälschenden und hetzenden Antisemitismus nicht freizuhalten. Hier nur einige Symptome dafür. Jakob Löwenberg hat sich in der gleichen Nummer des „Deutschen Volkstums" dagegen gewendet, daß Verfehlungen einzelner Juden mit unzulässigen Verallgemeinerungen dem gesamten Judentum zur Last gelegt werden. Stapel schreibt dagegen: „Wer da einwendet: Mehr als Juden schädigen zuweilen Deutsche selbst das deutsche Volk, und ist das nicht weit schlimmer? — der trifft nicht unseren Gedanken. Ganz gewiß gibt es deutsche Volksverräter. Aber wenn ein Deutscher sein eigenes Volk schädigt, dann haben wir ein Recht, auf ihn zornig 2U werden. Wenn jedoch ein Jude das deutsche Volk schädigt, dann — dürfen wir nicht einmal ihm zürnen, wir können nur zornig werden gegen uns selbst: warum ließen wir ihn uns gefallen?" Darin liegt eine offenbare Verdrehung. Niemand bestreitet Stapel das Recht, sich gegen den einzelnen Juden zu wenden, der ihm schädlich zu sein scheint. Was wir verlangen müssen, ist aber, daß die jüdische Gesamtheit ebensowenig für solche Handlungen Einzelner haftbar gemacht werde, wie das deutsche Volk für die schädigenden Handlungen eines einzelnen Deutschen. Daß Stapel es nicht über sich gewinnt, von dieser verlogenen Grundeinstellung des Antisemitismus in Deutschland energisch abzurücken, beweist doch wohl, wie nahe er diesem steht. Noch deutlicher zeigt sich das in der Rubrik „Der Beobachter" seiner Zeitschrift. Hier richtet er einen vielleicht berechtigten Angriff gegen Kerr, einen sicherlich unberechtigten (wegen einer Reklame des germanischen Verlegers Kurt Wolff) gegen Else Lasker-Schüler. Aber mit welchen Argumenten tut er dasl Er entleiht dem Gassen- Antisemitismus einige mauschelnde Wendungen, die keinerlei sachlichen Inhalt haben, sondern das Judentum der Angegriffenen verächtlich machen sollen. Solche Einzelheiten zeigen klar, wie feindlich trotz allen Strebens nach Gerechtigkeit die gefühlsmäßige Einstellung Stapels zum Judentum ist. Will er wirklich, wie man nach seinen Aufsätzen gerne annehmen möchte, ernsthaft für ein vernünftiges und auf gegenseitiger Achtung begründetes Zusammenleben der beiden Völker wirken, so wird er zunächst versuchen müssen, diese Einstellung zu überwinden, die heute seine sachlichen Ausführungen entwertet und Lügen straft. 2. Im Februarheft des „NeuenMerkur" findet sich eine bemerkenswerte Äußerung von Rudolf Pannwitz über „Die Krisis des jüdischen Volkes", als welche ihm die Revolution erscheint. Er meint damit nicht etwa, daß die Revolution das Schicksal der Juden bestimmt, sondern daß sie auf beiden Seiten, der kapitalistischen und der sozialistischen, hauptsächlich von den Juden durchzukämpfen ist, daß sie weit mehr ihre Sache ist als die der übrigen Völker. Dabei scheint er allerdings in den heute so häufigen Irrtum zu verfallen, daß er die Rolle der Juden wesentlich überschätzt: sie sind doch wohl weniger die Initiatoren als die Werkzeuge des Kapitalismus und Sozialismus. Wichtige Erkenntnisse dagegen finden sich in dem, was Pannwitz über jüdisches Wesen, jüdische Entwicklung und das Verhältnis der Völker zum Judentum schreibt. Der wesentliche Vorzug der Juden ist ihm, daß sie fast die einzigen sind, „die einer wahren Leidenschaft der Werte fähig sind, deren zwei bis drei Jahrtausende alter rassischer Moralismus physisch Ethos werden kann." Die ungewöhnliche dynamische Spannkraft und -weite der Juden dagegen, die man gewöhnlich ebenfalls zu ihren positiven Eigenschaften rechnet, scheint ihm am stärksten gegen die Juden zu sprechen, und zwar deshalb, weil ihr „nicht ent*

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