Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 59

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 1
Article
Völkerpsychologie
Date
1920-01-01
Page
59 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3101111-3101163-3101165-3105135--3846-3105216
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Umschau: Statistisches 59 sehen Konstruktion: ebenso wie es absurd ist, den Engländern, die (wie Boutmy nachgewiesen hat) schon ihr Klima und ihre physiologische Beschaffenheit zur Tätigkeit zwingt, die Arbeitsfähigkeit und Arbeitswilligkeit abzusprechen, ebenso absurd ist der gleiche Vorwurf gegenüber den Juden, deren Rastlosigkeit ja geradezu in einer schon übermäßigen Innervation, einer cholerischen Anlage wurzelt. Und was speziell den Vorwurf der Scheu vor körperlicher Arbeit betrifft, so müßte man ja Spengler auf die bekannten Erfahrungen. hinweisen, die ihn hinlänglich widerlegen. Daß Spengler bei jenem Vorwurf übrigens westeuropäischen Sozialismus und russischen Bolschewismus (auf diesen sind die Worte von der Expropriation gemünzt) unbesehen zusammenwirft, nimmt nicht wunder in einer Schrift, die voller bizarrster Begriffsschiebungen ist (ein Beispiel: „Friedrich Wilhelm I. und nicht Marx ist der erste bewußte Sozialist gewesen"). Mit Recht bemerkt dagegen Hugo Ball in seiner „Kritik der deutschen Intelligenz", daß Marx und Lassalle preußisch und protestantisch dachten und neben dem großen deutschen Staatsabsolutismus den kleinen der Partei errichteten, der eines Tages sich jenem verbünden mußte. Und nicht mit weniger Recht sagt neuerdings auch Otto Flake in seiner beachtenswerten Schrift „Das Ende der Revolution" (S. Fischer, Berlin 1920, Seite 25): „Es läge nahe, davon auszugehen, daß die rationalistischen Juden Marx und Lassalle und die rationalistischen Juden, die den Bolschewismus, dieses unrussische Erzeugnis begründeten, wesensverwandt waren. Aber dann wären Luther 'und Hegel, die Väter des irdischen Gottes Staat, auch — Juden." Im Gegensatz zu dieser westeuropäischjüdischen Geistesverwandtschaft glaubt Flake (wie wir eben gesehen haben), den unrussischen, also jüdischen Charakter des Bolschewismus andeuten zu müssen. Etwas direkter fragt er an einer anderen Stelle (Seite 18): „Haben die doch recht, die sagen, es sei zu viel jüdischer (in Budapest sind von 30 Räten 24 Juden) und zu wenig christlicher Geist im Bolschewismus?" Daß er wohl geneigt ist, diese Frage mit vielen Anderen zu bejahen, ist nach dem Gesagten offenbar. Er meint übrigens ausdrücklich, daß der Bolschewismus allenfalls in seinen Zielen, nicht aber in seinen Mitteln russisch ist und daß Lenin und Trotzki einer Ergänzung bedürfen, die Tolstoi heißt. Unter den „Mitteln" sind offenbar vor allem die blutigen und terroristischen Mittel der Bolschewiki zu verstehen. Aber wer die russische Geschichte kennt, der wird in jenen Mitteln nichts Unrussisches, sondern etwas sehr Russisches sehen. Dies ist übrigens auch die Ansicht eines der besten Kenner Rußlands, des Präsidenten Masaryk, die er neuerdings in einer viel beachteten öffentlichen Rede ausgesprochen hat. Die russische Geschichte ist, seitdem* es in Rußland überhaupt Politik und politischen Kampf gibt, voller blutiger Verfolgungen, sowohl von rechter als von linker Seite (diese Gegenseitigkeit ist ja gerade ihr besonderes Kennzeichen). Das nationale Temperament des Russen, das, wie schon Dostojewsky wußte, ebenso zu Gefühlsexzessen wie (in natürlichem Zusammenhange damit) zu physischen Exzessen neigt, ist mit eine Ursache dieser Geschichte. Ich weiß nicht, ob in Budapest wirklich von 30 Räten 24 Juden waren. Daß aber die (zivile, nicht militärische!) Leitung des russischen Bolschewismus zumindest paritätisch von Juden und Christen besetzt ist, habe ich an anderer Stelle („Der Bolschewismus und die Juden", „Weltbühne" vom 8. April d. J.) auf Grund der Personalien der Sowjetregierung bewiesen. Von einer Kooperation von Juden undChristsn, die also auch hier wie in Westeuropa stattfindet, muß man aber nicht nur in bezug auf die „Mittel", die Regierungsmethoden, sondern auch in bezug auf die obersten Ziele sprechen. Diese Kooperation ist hier vor allem durch eine eigentümliche Verwandtschaft in der kosmopolitischen Veranlagung der beiden Nationalgeister bedingt, einer Veranlagung, die die russische Literatur seit den Tagen Tschaadajews durchzieht, bei den Juden aber durch die Bedingungen ihres geschichtlichen Lebens in der Diaspora noch besonders stark entwickelt worden ist. Elias Hurwicz STATISTISCHES Jüdisches Gewerbe in Wien 1. Zu Ende des Jahres 1918 versuchte der jüdische Nationalrat für Deutsch-Österreich eine statistische Erfassung sämtlicher Juden von Wien. Aus dieser Erhebung zog das von ihm begründete Gewerbeförderungsamt die Angaben über Gewerbetreibende aus. Dieser Kataster umfaßt proportionell zur Gesamterhebung unfähr 75 % der jüdischen Gewerbetreibenden von Wien überhaupt, dagegen eine weit geringere Anzahl von Gehilfen, weil die Berufsangaben nur von wahlfähigen Personen (vollendetes 21. Lebensjahr) herrühren. Diese Einschränkung macht sich insbesondere bei der gewerblichen Frauenarbeit fühlbar und die für diese erbrachten Daten können daher nicht als repräsentativ angesehen werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.