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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 58

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 1
Article
Völkerpsychologie
Date
1920-01-01
Page
58 (sequence 2)
Language
German
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58 Umschau: Völkerpsychologie der Wirklichkeit geltend; seine Transzendenz ist nur eine andere: an Stelle jener dichterisch-metaphysischen Freuden treten bei ihm intellektuelle Freuden: an einer scharfen begrifflichen Konstruktion, an einer logischen Zusammenfassung der bunten Wirklichkeit — Freuden, die auch ihn psychologisch außerhalb der Physis transponieren und auch den gerade heute so stark in Erscheinung tretenden jüdischen Sozial-Utopismus erklären. — Im übrigen aber können wir mit dem Urteil Keyserlings, zumal eines Schülers H. St. Chamberlains, nur zufrieden sein« Während Keyserling also die Stellung des Judentums unter den großen Weltsystemen wie in der heutigen Welt zu charakterisieren sucht, erwähnt Spengler in dem vorliegenden ersten Band seines Werkes das Judentum noch nicht; er behält sich eine Erörterung der Judenfrage für den kommenden zweiten Band vor. Doch müssen wir schon jetzt hervorheben, daß die ganze Konstruktion seines Werkes durch Berücksichtigung des Judentums nicht unerheblich gestört sein würde. Baut doch Spengler seine Geschichtsphilosophie und Völkerpsychologie auf einen Gegensatz auf, den er besonders durch den Gegensatz der altgriechischen und neuzeitlich-germanischen Psyche beleuchtet: dort ein Sinn nur für das Konkrete, Plastik aller Vorstellungen bis in die Religion hinein, Abneigung vor jeglicher Abstraktion, Mangel des historischen Sinnes und so weiter — hier ein „faustisches" Unendlichkeitsstreben, das auf allen Gebieten, vor allem aber in der Entwicklung des historischen und religiösen Sinnes Ausdruck findet. Nun aber nehmen wir bereits im antiken Judentum solche, angeblich ausschließlich dem „faustischen" Zeitalter und hier nur den Deutschen angehörenden Tendenzen wahr. Wir finden bereits dort ein ausgesprochen historisches Denken, voller Erinnerungen an die Vergangenheit und Antizipierungen der Zukunft, und auch das religiöse Gefühl ist, abgesehen von episodischen Reaktionen, ganz besonders bei den Propheten durchaus monotheistisch, sittlich und insofern also gleichfalls vom Unendlichkeitsstreben erfüllt. Auch hier bewahrheitet sich also viel eher das Keyserlitigsche Weltbild, in dem die psychologische Kontinuität zwischen der heutigen Kultur und dem Judentum ihren Ausdruck findet Geschieht im „Untergang des Abendlandes" der Psychologie des Judentums keine Erwähnung, so ist das in der jüngsten Schrift Spenglers, die gleichfalls viel von sich reden macht, im „Preußentum und Sozialismus" wohl der Fall. Hier nimmt die Figur von Marx als Schöpfer des Sozialismus eine zentrale Stellung ein. Nun gibt es aber nach Spengler zweierlei Arten von Sozialismus. Die erste ist der echte Sozialismus, der im Preußentum wurzelt, mit äußerer sozialer Gleichheit wohl vereinbar ist, weil er auf dem Grandsatz des suum cuique beruht, und die Arbeit als solche liebt als Dienst der Gemeinschaft. Diesem echten Sozialismus stehe aber der Marxsche Pseudo-Sozialismus gegenüber, der lediglich „Kapitalismus der Arbeiterschaft" ist, weil er lediglich nach Reichtum für die heute Besitzlosen strebt uud die Arbeit verachtet. Diese sozialen Ideale schöpft Marx nach der Auffassung Spenglers aus der Stätte seiner sozialen Beobachtungen, aus England, wo angeblich sozialer Neid und Verachtung der Arbeit herrschen. „Aber hier, fügt Spengler hinzu, unterstützt ihn sein jüdischer Instinkt, den er selbst in seiner Schrift über die Judenfrage gekennzeichnet hat Der Fluch der körperlichen Arbeit am Anfang der Genesis, das Verbot, den Sonntag durch Arbeit zu schänden, das machte ihm das alttestamentliche Pathos des englischen Empfindens zugänglich. Der Sozialismus Fichtes würde die, welche nicht zu arbeiten brauchen, als überflüssige, pflichtvergessene Schmarotzer des Lebens verachten, der Instinkt von Marx beneidet sie aber. Sie haben es zu gut und deshalb soll mm sich gegen sie auflehnen. Marx lehrt die Verachtung der Arbeit. Seine fanatischsten Jünger wollen die Vernichtung der ganzen Kultur, um die Menge der unentbehrlichen Arbeit möglichst herabzusetzen. Vor den Augen von Marx schwebt das Ideal des proletarischen Phäaken, der alles mühelos besitzt —> das ist der Endsinn jener Expropriation der Glückseligen." („Preußentum und Sozialismus", C. H. Beck, München 1920, Seite 79/81.) Wir wissen nun — dank den letzten Worten — worauf Spengler letzten Endes hinaus will: auf die heute so populäre Verbindung zwischen Judentum und Sozialismus. Dabei aber bringt er ein dreifaches Kunststückchen fertig: er zitiert den Ausspruch Marxens über die Genesis, spielt ihn aber gegen Marx selbst aus und verknüpft gleichzeitig den Vorwarf des Sozialismas mit der bekannten Beschuldigung der Juden, der Scheu vor körperlicher Arbeit! Aber jenem Satz aus der Genesis stehen doch unzählige Sätze (etwa in den Psalmen oder Sprüchen Salomos) gegenüber, in denen der Segen der Arbeit gepriesen wird. Entscheiden nun diese Aussprüche oder jene, übrigens auch andernVölkern gemeinsame Paradiesfabel völkerpsychologisch? Es ist schon immer mißlich, den Volkscharakter auf Grund literarischer Zitate zu beurteilen, Lassen wir aber die Tatsachen reden, so sehen wir die ganze Absurdität der Spengler-

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