Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Rassenkunde
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 50 (sequence 2)
- Language
- German
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50 Umschau: Rassenkunde zung der Nachkommenschaft bedingt. Wir definieren also: Rasse ist eine historisch gewordene Fortpflanzungsgemeinschaft, die sich durch typische Schichtung körperlicher und geistiger Merkmale von anderen unterscheiden läßt. (Entsprechend wäre zu definieren: Nation als historisch gewordene Kulturgemeinschaft [Heinrich Loewel: Volk als historisch gewordene Sprach- und Staatsgemeinschaft.) Aber auch in diesem weiteren Sinne kann man bei den heutigen führenden Kulturvölkern wegen schrankenloser und immer wiederholter Mischung nicht mehr von Rassen sprechen; sie bilden nur noch eine große Fortoflanzungsgemeinschaft. Eine Ausnahme machen nur die Japaner und die Juden. Als Rassenmerkmale kann man nur solche bezeichnen, die sich auf die Nachkommen vererben. Leider fehlt für viele der gewöhnlich angeführten Merkmale noch der grundlegende Nachweis, daß sie erblich sind. Es handelt sich um anatomische, nhvsiologische, pathologische und geistige Merkmale; die wichtigsten sind die anatomischen. Die erste Rolle spielt in allen bisherigen Arbeiten der Schädel-Index*) (Breite: Länge X 100), weiter der Schädelumfang, der Höhen- Index (Ohrhöhe des Schädels: Länge x 100), die Form des Gesichts, der Nase, der Augenhöhlen usw.; die Körpergröße, der Brustumfang, die Längenverhältnisse der Gliedmaßen, die Beckenform. Ferner die Beschaffenheit der Haut (Pigment, Fettpolster), der Ha-are (Form, Farbe, Wuchs), der Augen (Farbe der Iris, Form der Lidspalte). — Von physiologischen Merkmalen haben Bedeutung: das Wachstum, der Eintritt und das Aufhören der Menstruation, die Fruchtbarkeit, das Zahlenverhältnis der beiden Geschlechter, die Langlebigkeit. — Pathologische Merkmale sind die Empfänglichkeit oder Widerstandsfähigkeit gegen gewisse Krankheiten und Gifte, sowie die Vererbung von krankhaften Anlagen und Mißbildungen. Nach unserer Definition der Rasse ist die „Rassenfrage" identisch mit der Frage nach der Geschichte der Rasse, der Geschichte ihrer Mischungen und der Kenntnis der Mischungsbestandteile. Die jüdische Rassengeschichte ist besser bekannt als irgendeine andere. Ihre Quellen für die alte Zeit sind die Bibel und die Altertümer Vorderasiens und Ägyptens. *) Die für die jüdische Anthropologie besonders wichtigen, weil am meisten untersuchten Merkmale sind durch Sperrdruck hervorgehoben. II. Rasseilgeschichte der Juden Die wichtigste neuere Arbeit über die Rassengeschichte der Juden, die allen folgenden Anregung gegeben hat, ist der 1892 gehaltene Vortrag vonLuschans: „Die anthropologische Stellung der Juden" (Korresp.-Bl. d. Deutsch. Gesellsch. f. Anthrop. 1892). Luschan erkennt die Juden nicht als „Semiten*' an. Den Grundstock ihrer Rasse bilden nach ihm vielmehr die Hethiter, die eine stark kurzköpf ige Urbevölkerung Vorderasiens mit dunklem Haar, dunklen Augen und kleiner Statur d arstellen. Die unter den Juden nicht seltenen blond en Haare und blauen Augen leitet Luschan von einer alten Mischung mit Amoritern her, in denen er einen aus Europa eingewanderten Stamm sieht. Semitisch ist nur ein ganz geringer Einschlag von Langköpfen, der den arabischen Beduinen verwandt ist. Die charakteristische Gesichtsbildung der Juden („Judennase") soll auf die Hethiter zurückzuführen sein („Hethiternase"). Die Hauptmischungen der jüdischen Rasse sind während ihres Aufenthalts in Palästina abgeschlossen. Einen ähnlichen Standpunkt nimmt Judt in seinem Buche „Die Juden als Rasse" (Jüd. Verlag, Berlin 1903) ein. Auch er rechnet die Juden zur „alpinen" Rasse, der auch die Hethiter zugehören. Stärker als Luschan betont Judt die Rassenmischungen, die die Israeliten schon vor ihrer Einwanderung in Palästina durchgemacht haben. Aber auch er ist der Meinung, daß seit der Zerstörung des jüdischen Staates keine wesentlichen Vermischungen der Juden mehr stattgefunden haben. Das Buch ist sehr fleißig gearbeitet, doch sind seine Anschauungen oft unklar vorgetragen, Widersprüche nicht ausgeglichen, statistische Angaben durch den Mangel einheitlicher Durchrechnung vielfach wissenschaftlich nicht benutzbar. Gegen diese Theorie der jüdischen Rasse machte Auerbach 1907 („Die jüdische Rassenfrage", Arch. f. Rass.- u. Ges.-Biol. 1907, H. 3*)) und neuerdings wieder („Die Völkerstämme des alten Palästina", ebenda 1916) schwerwiegende Bedenken geltend. Eine vorsemitische den Hethitern verwandte Urbevölkerung ist in Palästina historisch bisher nicht nachweisbar; hier sitzen schon im 4. Ja hrtausend Semiten, und die eigentlich hethitischen Stämme Kleinasiens sind so weit südlich nicht vorgedrungen. Aber auch der anthropologische Befund der heutigen Juden spricht gegen die Theorie Luschans. Die Juden sind weit weniger kurzköpfig (Index meist 80 *) In dieser Arbeit ist die ganze bis 1907 erschienene Literatur über die Anthropologie der Juden zu finden.