Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Ein neuer Vorschlag für die Besiedelung Palästinas
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 48 (sequence 2)
- Language
- German
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48 Umschau: Kolonisation Treibhäuser usw. sind die erstaunlichsten Resultate in der Obst- und Gemüsekultur gezeitigt worden, ebenso im Getreidebau, der als Ackerbeetkultur betrieben wird. Ähnliches schwebt dem bekannten deutschen Gartenfachmann Leberecht Migge vor, auf den sich unser Autor wiederholt bezieht. Soskin weist in seiner Broschüre darauf hin, daß die Verhältnisse in Palästina für die intensivsten Kulturen besonders günstig sind, da die heiße Sonne die Anlage kostspieliger Treibhäuser überflüssig mache. Die zahlreichen Beispiele, die er über die Ertragfähigkeit solcher Kulturen aus verschiedenen Gegenden der Erde, die nicht über so günstige Verhältnisse verfügen, anführt, lassen ihn hoffen, daß in Palästina ein vorzügliches Feld für sie vorhanden ist. Die grundlegendste Bedingung dafür ist die Bewässerung des Bodens. Soskin verlangt, daß bei Anlage der Wasserwerke in Palästina von vornherein das Prinzip festgehalten wird, daß die Bodenbewässerung an erster Stelle zu stehen habe und die Erzeugung elektrischer Energie erst in zweiter Linie berücksichtigt werden dürfe. Allerdings wird die Entscheidung hierüber nicht nur auf prinzipiellen, sondern auch auf technischen Erwägungen beruhen müssen, da die Terrainverhältnisse nicht überall die Bewässerung durch Kanäle zulassen werden. Die prinzipielle Entscheidung wird eine sehr verantwortungsvolle sein. Wenn auch Soskin recht gegeben werden muß, daß es vor allem darauf ankommt, den Boden Palästinas so auszunutzen, daß auf ihm Millionen angesiedelt werden können, so ist es bei dem Mangel an Heizmaterialien im Lande unumgänglich nötig, wenigstens zum Teil sich in der Energieerzeugung für gewerbliche Zwecke vom Ausland unabhängig zu machen. Soskin schätzt die bewässerbare Fläche in Palästina auf 300 000 ha. Auf welche Weise wäre sie nach seiner Meinung für die Ansiedelung auszunutzen? Soskin lehnt ihre Verwendung für Baumpflanzungen in Parzellen von 3—4 ha (wie Oettinger und Ruppin vorschlagen) ab und verlangt, daß intensiver Garten- und Gemüsebau mit Kleintierzucht verbunden auf kleinsten Flächen — Soskin schätzt 1/2 ha als genügend zum Unterhalt einer Familie — unter Anwendung ausschließlich eigener Arbeit darauf betrieben werde. Ein bedeutender sozialer Vorzug dieser Besiedlungsweise wäre es, daß eine Lohnarbeiterfrage nicht entstehen könnte, da es sich nur um Selbstwirtschafter handeln würde. Die Kleinheit der angenommenen Fläche fällt auf. Soskin berechnet sie nach der Analogie anderer Fälle außerhalb Palästinas, wobei er in Anschlag bringt, daß bei diesen ohne künstliche Bewässerung und nicht unter der heißen Sonne Palästinas gearbeitet wird. Er nimmt an, daß auf jedem ha ein Erlös von 2000 Goldfrancs zu erzielen wäre, was für Ausgaben, Steuern und Unterhalt der Familie reichen müßte. Bekanntlich sind wirklich verwertbare Erfahrungen über die Rentabilität der palästinensischen Landwirtschaft so gut wie gar nicht vorhanden. Deshalb sind all diese Berechnungen mit Vorsicht aufzunehmen. Was aber Soskins Vorschläge vorteilhaft unterscheidet von denen jener Zionisten, die auf Grund ähnlicher Berechnungen phantastische Gebäude aufrichten, ist, daß er seine Ziffern nicht als authentische hinstellt, sondern nur verlangt, daß Probeversuche auf geeigneten Terrains mit richtig vor gebildeten Leuten gemacht werden. Die Einwendungen, die man machen könnte, daß Ruppin und Oettinger viel größere Bodenflächen zum Unterhalt einer Familie auf Grund vo Gemüsebau und Kleintierzucht annehmen als Soskin, können daher zurückgestellt werden. Da die Leitung des Jüdischen Nationalfonüs gewiUt ist, jene Versuche zu machen, so wird sich in praxi zeigen, wer recht hat. . Soskin zweifelt nicht an dem Erfolg der Versuche und gibt einige Ausblicke über die Art und Weise einer Kolonisation, die auf intensiver Gemüsekultur beruht. Er bespricht die Pläne von Gartenstädten im einzelnen und gibt wertvolle Winke für die Vereinfachung der Bauweisen und der Bedürfnisse. Der Schrift sind Entwürfe solcher Siedlungen und der Haustypen (von Leberecht Migge und Arch. R. Michel skizziert) beigegeben. All das sind Zukunftsfragen, doch um die Zukunft zu bauen, müssen klare Pläne vorhanden sein und Soskin zeigt in seiner ücftrift, daß er alles aufs genaueste vorbedacht hat. Die Aussichten der Gemüsekultur in Palästina hat schon Oettinger in seiner bekannten Schrift sehr günstig beurteilt. Schon er wies auf die enormen Mengen von Gemüsen hin, die aus einzelnen Produktionsgebieten exportiert werden, wie auf die Möglichkeiten der Gemüsekonservenfabrikation. Bisher hat man Palästina als ein Land für vorzugsweisen Fruchtbaumbau angesehen. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß es mehr ein Land des Gemüsebaues werden wird. In Holland, dem Gärtnerland kat exochen, sind fast 40% der für Gartenkulturen benutzten Fläche mit Gemüse angebaut, ca. 22 000 ha. Die Vorschläge Soskins, der darauf hinweist, daß sich in Palästina dank der Kraft, der Sonne ohne teure Glashäuser usw. 2—3 Ernten erzielen ließen, erinnern an die erwähnten Ausführungen Krapotkins. Dieser meint, daß bei richtiger Bewässerung, sorgfältigster Sortenauswahl usw. auf jedem bestellbaren Acre Landes 2—3 Einwohner leben könnten. (1 Acre ist 0,4 ha.) Das ist doch noch immer weniger, als Soskin annimmt,