Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Zionismus und nationale Bewegung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 47 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Kolonisation 47 halb der jüdischen Welt ist die zionistische die einzige, die sich aus jüdischen Quellen speist und als Idee Größe und Mächtigkeit besitzt. Nur ist es uns bisher nicht gelungen, den zionistischen Gedanken in all seiner Weite auszuschöpfen und ihn so fruchtbar zu gestalten, daß er das Volk in seinen Bann zwänge. Wir waren auf dem Wege dazu in den Monaten unserer weltpolitischen Triumphe. Heute scheint mir die Möglichkeit, auf solchem Wege das Volk unter derFührung der zionistischen Idee zu einen, gering, ja fast endgültig dahin zu sein. Wir müssen erkennen, daß nur der andere Weg gangbar ist; der einer Bewegung von der Art der zionistischen allein adäquate: der Weg der Idee. Von der Seite des zionistischen Ideals her müßte das Volk ergriffen, erschüttert, bezwungen werden. Seiner Sehnsucht nach ein erneuen, besseren Welt, die ein erheblicher Teil der jüdischen Masse im radikalen Sozialismus erfüllt sieht, müßte durch das Bild der künftigen jüdischen Lebensform in Palästina Erlösung geboten werden. Sein Drang nach Tat, nach Aktion, sein sich selbst uneingestandenes Sehnen, Opfer zu bringen, leiden zu dürfen im Dienste einer Idee, müßte bei uns Erfüllung finden können. Alles, was es an revolutionärer Energie, an Erneuerungswillen, an Schöpfertrieb in sich birgt — trotz aller Demoralisation, Apathie und Ziellosigkeit birgt — müßte bei uns Betätigungsmöglichkeit, Bewährunssmöglichkeit finden. Müßte — man kann nur im Konjunktivum davon sprechen. Die Aussicht ist gering, daß es so werden kann. Wir waren schon vor dem Kriege an revolutionärer, massenbegeisternder Energie und Schwungkraft arm geworden; die Politisierung der letzten Jahre, die überstarke Einstellung auf weltpolitische Aktion und diplomatische Arbeitsmethoden hat uns innerlich noch ärmer werden lassen. So fehlen uns die Männer, fehlen uns die Zentren, fehlen uns die Mächte, von denen eine solche fortreißende, beschwingende, bannende Wirkung auf die Volksmasse ausgehen könnte. Man lese die Berichte der letzten Aktionskomiteesitzung. Sie war die erste nach dem Kriege. Was wurde nicht alles von ihr erwartet! Was gab sie? Beratungen, Resolutionen, Vorschläge, manche klug, manche oraktisch; wo aber war der große Zug, wo irgendein neues Wort, wo die zündende Parole? Keine Wirkung ging von ihr auf das Volk aus. Dies alles ist nicht als Vorwurf für die Führer des Zionismus gesagt, nicht als Anklage, nicht als Tadel. Niemand kann bedeutender s?.h}_als er ist; und auch für Führer einer Bergung gibt es keine Pflicht zur Größe. Vieles wurde von den Leitern der zionistischen Bewegung geleistet; vieles erreicht. Daß ihr Format nicht dem der Zeit entspricht, ist nicht ihre Schuld. Es liegt nicht an ihnen, die sie Anspruch auf Dank und Respekt haben. Es liegt an der Bewegung; es liegt am Zionismus. Wo die große Idee da ist, da findet sie ihre Repräsentanten, ihre Wortführer. Weil der Zionismus an Größe verloren hat, hat auch das Format seiner Führer Einbuße gelitten. Was not tut, ist eine Erneuerung, eine Steigerung des Zionismus. So wie er heute ist, hat er, fürchte ich, nicht genügend Kraft, Größe und Weite, das Volk unter seinem Banner zu einen, es zu beleben, ihm neuen Glauben und neuen Idealismus zu geben. Und unser Volk lechzt nach Glauben, Ideal und schöpferischer Neubelebung. Wissen die meisten von uns, wie sehr es sich danach sehnt, wie sehr es an dieser noch unerfüllten Sehnsucht, an diesem Hunger leidet, sich quält, Halt und Ziel verliert und immer mehr dem Abgrund zutaumelt? Nachum Goldmann KOLONISATION Ein neuer Vorschlag für die Besiedelung Palästinas ,, Kleinsiedlung und Bewässerung - — so nennt sich die neueste vom Hauptbureau des Jüdischen Nationalfonds herausgegebene Studie über die Kolonisationsprobleme Palästinas. Der Name ihres Verfassers, Agronom Dr. S. E. Soskin, hat auf diesem Gebiete einen guten Klang, Dr. Soskin, der lange Zeit in Palästina praktisch gearbeitet hat, war die Seele der vom sechsten Zionistenkongreß (1903) eingesetzten Palästina^ kommission, die mit bescheidenen Mitteln Erstaunliches geleistet hat. Dr. Soskin sieht schon lange die Aufgabe der zionistischen Kolonisationspolitik darin, eine maximale Zahl von Ansiedlern in Palästina dadurch zu erreichen, daß die allerintensivste Kultur (intensiv in bezug auf Arbeit), die gerade in diesem Lande in weitem Umfang möglich ist, auf den hierfür geeigneten Bodenflächen getrieben wird. Schon Krapotkin hat in seinem bekannten Büchlein „Landwirtschaft, Industrie und Handwerk"*) zum ersten Mal einem breiteren Publikum die ungeheuren Möglichkeiten einer landwirtschaftlichen Produktion, die mit allen Hilfsmitteln der Wissenschaft arbeitet, an Hand von einzelnen Beispielen aus verschiedenen Ländern aufgezeigt und war zum Resultat gelangt, daß man heute so weit ist, von der Beschaffenheit des Bodens sich gänzlich unabhängig zu machen. Durch künstliche Heißwasserbewässerung, sorgfältigste Sortenwahl, . *) Eine neue deutsche Ausgabe nach der erweiterten englischen wird vorbereitet. (Anm. d. Red.)