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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 46

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 1
Article
Zionismus und nationale Bewegung
Date
1920-01-01
Page
46 (sequence 2)
Language
German
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46 Umschau: Zionismus und nationale Bewegung der jüdischen Masse demoralisiert; hat Bindungen gelöst, Hemmungen vernichtet, hat einen niedrigen Egoismus, Gier nach Geld, eine Sucht nach Genuß großgezogen. Das Judentum im Westen aber fühlt sich durch den Antisemitismus in seiner gesicherten Existenz gefährdet; es fürchtet sich, es zittert, es schreckt vor jeder Art selbständiger, mutiger Politik zurück, gibt jede Gemeinschaft mit den heftiger angegriffenen Ostjuden feige preis und wird immer haltloser. Alles in allem: Apathie und Indifferenz, Angst und kleine Sorge, Selbstsucht und Verantwortungslosigkeit beherrschen in einem hohen Maße die jüdische Welt und machen uns schwach, verwundbar und unsicher. Auch uns fehlt — es ist arg, es konstatieren zu müssen — die neue schöpferische, hinreißende Idee, die allein heute noch stark genug wäre, uns seelisch zu verjüngen und moralisch zu erneuern. Auch wir leiden am großen Übel der Zeit, an ihrer Ideenlosigkeit, an ihrer Unfähigkeit zu glauben, an ihrem Mangel an schöpferischer Phantasie, an ihrer unsagbaren Kleinheit. Eine einzige Bewegung hat versucht, eine neue Idee zu verkünden, hat vermocht Massen zu begeistern, sie zu Opfern bereit zu machen: der Bolschewismus. Er ist keine jüdische Idee. Auch wo Juden seine Führer sind, steht er uns fremd, indifferent gegenüber. Er hat uns national geschadet, uns starke Kräfte entzogen und unsere Solidarität erschüttert. Wir aber haben keine ihm an Kühnheit, Energie, Radikalität gleichwertige Idee ihm entgegenzusetzen. Der zionistische Gedanke hätte es vermocht. Er hat es für eine Weile getan. Und zweifellos hat er genügend Tiefe, Größe und Erhabenheit, um, richtig geformt, richtig genützt, unser Volk hinreißen zu können. Der englische Kriegsminister Churchill hat jüngst erklärt, das Judentum könne nur bolschewistisch oder zionistisch sein. Daran ist ein Richtiges: von allen Strömungen und Bewegungen innerhalb unseres Volkes ist die zionistische allein in ihrer Idee groß und stark genug, um sich der bolschewistischen entgegenstellen zu können. Es sei betont, daß dieses „sich entgegenstellen" hier einen völlig anderen Sinn hat als in der Antithese Churchills; es kann nicht Sache des Zionismus sein, den Bolschewismus zu bekämpfen; wohl aber wäre es' seine Aufgabe, dafür Sorge zu tragen, daß nicht die jüdische Masse, ideenhungrig, getrieben von quälender Sehnsucht nach einem Ideal, zum Bolschewismus übergehe. Der Zionismus könnte sie davor bewahren. Er tut es nicht. Weil auch er unschöpferisch ist, weil ihm die hinreißende Kraft, die revolutionäre Kühnheit, der große Schwung und das begeisternde Pathos seiner ersten Jahre in hohem Maße abhanden gekommen ist. Er ist eine bourgeoise Bewegung geworden, diesen Ausdruck nicht im Sinne einer Klassenunterscheidung, sondern in dem einer Kennzeichnung seiner Physiognomie, seines Temperamentes, seiner Leidenschaftlichkeit gebraucht. Es ist notwendig, daß wir uns dessen bewußt werden. Die innere Lage unseres Volkes legt uns höhere Verpflichtungen auf als je zuvor. Der jüdischen Masse droht völlige Atomisierung, seelische Auflösung und ein moralischer Zusammenbruch auf der einen, ihre Bolschewisierung auf der anderen Seite. Sie hungert nach einem Glauben; sie hat sich vom alten Judentum abgewendet und kein Weg führt zu ihm zurück, Sie kann für die Dauer nicht ideallos leben. Der kleine Egoismus materieller Art sagt uns nicht zu. Viertausend Jahre lang von Ideen beherrscht, zum Glauben gezüchtet, seelisch dazu erzogen, das Morgen für wichtiger zu nehmen als das Heute, die Idee für wesentlicher als die Realität, das Postulat für maßgebender als die Praxis, können wir nicht gut den Zustand idealloser Selbstsucht ertragen. Was das jüdische Laster so unerträglich, häßlich und widerwärtig macht, ist eben dies, daß es uns nicht gut ansteht. Wir werden seiner nicht Herr: so wird es grob, plump, krasser als bei jedem anderen Volk. Die jüdische Masse wird sich ein neues Ideal suchen. Geben wir es ihr nicht, gibt es ihr nicht die Vergangenheit und Ideenwelt des Judentums, so wird sie es sich aus der nichtjüdischen Sphäre holen und, da der bolschewistische Gedanke inmitten der furchtbaren Öde des heutigen Europas der einzige ist, der Massen entflammen und führen kann, wird sie bolschewisiert werden. Die Symptome sind bereits da. Weiß man, daß der „Bund" im Osten heute stärker ist als der Zionismus; daß die sozialistischen Gruppen täglich an Stärke und Umfang gewinnen? Ich habe jüngst in Warschau einem Demonstrationszug des „Bundes" beigewohnt; zum ersten Male sah ich im Zuge Chassidim, alte Juden mit Schläfenlocken und Vollbart. Das wäre noch vor zwei Jahren unmöglich gewesen und zeigt, wohin die Entwicklung führt. Ihr entgegentreten könnte — ich wiederhole es ~~ lediglich der Zionismus. Das alte Judentum kann es nicht mehr; man konstatiert es mit Schmerz; denn gerade am gegenwärtigen Zustand der jüdischen Masse nimmt man wahr, welch strenge, zuchtvolle, lebenssteigernde, geistschöpferische Daseinsform das traditionelle Judentum unserem Volk bedeutet hat. Aber dies hilft nicht über die Erkenntnis hinweg, daß es — zunächst jedenfalls — seine Herrschaft über die Masse unseres Volkes verloren hat. Und von allen anderen Bewegungen inner-

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