Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Politik
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 45 (sequence 7)
- Language
- German
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Umschau: Zionismus und nationale Bewegung 45 dem neuesten Restaurationsversuch im deutschen Zionismus dem Zollschanschen Buche „Die Revision des jüdischen Nationalismus" zuschreibt. Es ist geradezu beschämend, darin jetzt noch Urteile wie das folgende lesen zu müssen: „Ein derartig gegliedertes Bekenntnis (sc. zur Nation der Umgebung und zur „ethnischen" Gemeinschaft des Judentums) ist kein nationales Amphibientum, sondern ein Ausdruck der Tatsächlichkeit. Wie auch die wirkliche Liebe der Juden zu dem Volk, in dem sie wohnen, durch keine derartige Zwangsaktion illusorisch gemacht werden kann. Von der plötzlich mit übermächtiger Gewalt alle Empfindungen und Impulse beherrschenden heißen Liebe zu Heimatstaat und Heimatvolk bei Ausbruch des Weltkrieges auch bei den selbst hiervon aufs stärkste überraschten zionistischen Führern gibt es manche unwiderlegliche Zeugnisse.1* Über die bezaubernd hübsche Zollschansche Theorie, daß die Juden gleichzeitig zwei Volksstämmen angehören können, der deutschen „Nation" und dem jüdischen „Volk", und daß das vernünftig sei, weil es „Ausdruck der Tatsächlichkeit" ist, wird an anderer Stelle noch zu sprechen sein. Der scheinbare Gegensatz zwischen der Auffassung dieser fragwürdigen „Tatsächlichkeit", die ja auch den Weltkrieg und viele andere Scheußlichkeiten umfaßt, demnach eines verwerflichen Seins als richtunggebendes Seinsollen einerseits und der Anerkennung einer so offenkundigen Kriegspsychose, wie es die August- Begeisterung von 1914 war, als einer besonders hohen und edlen „Realität" andrerseits erklärt sich jetzt. Die Fiktion der sogenannten „Tatsächlichkeit" liegt eben für den selbst fiktivenGeist eng neben der „Wirklichkeit" der Fiktion. Ja, die Juden sind wohl heute vielfach ihrem Sein und Wesen nach zwitterhaft; aber diese unglückliche Zwiespältigkeit zu ihrem Sollen und Wollen zu erheben, anders ausgedrückt, sie zur Maxime ihres politischen Handelns zu machen, ist nicht so sehr nationales, als ethisches „Amphibientum". Selbst der bewußte und radikale Assimilant will nicht das Unglück unserer „Tatsächlichkeit", die Zweiheit, sondern die Einheit, die Erlösung. Mag auch sein Wollen irre gehen, aber der Umstand, daß er nicht im Bestehenden verharren will, sondern um ein seelisches Ziel, seine Erlösung ringt, nur auf anderem Wege als wir, auf einem dem Tode zugewandten Wege, zwingt uns eine Achtung ab, die wir vor keinem geistigen Konservierungs- und Reaktionsversuch empfinden können, auch keinem zionistischen. Siegmund Kaznelson ZIONISMUS UND NATIONALE BEWEGUNG Es steht schlecht um das Judentum, schlecht um seine äußere Lage, schlechter noch um seine innere Verfassung. Auch wir werden dem verhängnisvollen Schicksal nicht entgehen, nach den fünf Leidens jähren des Krieges eine weitere, innerlich noch gefährlichere Leidensepoche durchschreiten zu müssen. Der kurzsichtige Wahn, mit der Unterzeichnung des Friedens sei die Periode der Zerstörungen, Kämpfe, des Chaos und des Zerfalls beendet und die neue Zeit des schöpferischen Aufbaues, des Aufstiegs und des Wachstums bereits an ihrem Beginn, ist wohl heute von den Einsichtigen und Weitblickenden aller Völker als eine dumm-mechanische Vorstellung erkannt, erzeugt von einer Generation, die nicht stark, klug und hellsichtig genug ist, sich der Folgen ihrer Taten bewußt zu werden. Auch unter uns gab es viele, die solchem Wahne anhingen, glaubten viele, das Martyrium des jüdischen Volkes habe mit dem Versailler Friedensschluß sein Ende gefunden. Zukunftsgläubig, ja begeistert und berauscht traten wir in die neue Friedenszeit ein; ein weltpolitisch anerkanntes Judenvolk, nationale Minoritätsrechte im Osten und — vor allem anderen — die nationale Heimstätte in Palästina, schien es uns allen nicht, als ob auch wir glauben durften, als Sieger aus dem Kriege hervorgegangen zu sein? Dieser Glaube ist in diesem letzten Jahre uns gründlich . ausgetrieben worden. Furchtbarer kann wohl kein Volk aus einer trügerischen Illusion gerissen werden, als es uns widerfahren ist. Die Leiden Tausender Juden, der Ruin Zehntausender jüdischer Existenzen bezeichnen den Prozeß dieser Ernüchterung. Und heute wissen wir, daß wir uns inmitten einer Krisis befinden, wie wir sie ärger, ja wie wir sie gleich arg in keinem der fünf Kriegsjahre durchlebt haben. Durch alle Länder flutet eine antisemitische Welle von einer im Verlauf des letzten Jahrhunderts ungekannten Heftigkeit und Mächtigkeit. Alle Elemente der Reaktion und des Chauvinismus in der Welt sammeln sich zu gegemeinsamem Sturmlauf gegen uns. Stärkstes Selbstbewußtsein, opferfreudigste Solidarität, intensivste innerste Anspannung täte not, um solchem Angriff standzuhalten. Unsere innere Verfassung aber ist trauriger noch, kritischer, als es unsere äußere Lage ist. Die jüdische Masse des Ostens ist in den fünf Leidens jähren des Krieges müde geworden. Die furchtbare Not ihrer Existenz, die Entwurzelung aus dem überlieferten Milieu, aus den traditionellen Lebensformen, die völlige Zerrüttung ihrer äußeren und inneren Struktur, all das hat einen großen Teil