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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 32

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 1
Article
Die Geschichte von Rabbi Gadiel dem Kinde
Date
1920-01-01
Page
32 (sequence 2)
Language
German
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32 S. J. Agnon: Erwachte sein Vater vom Schlaf und sah ihn nicht, so meinte er wohl: das Kind ist auf dem Schöße seiner Mutter, und schloß das Buch und ging an seine Geschäfte. Und Rabbi Gadiel lag zwischen den Seiten und blieb dort viele Stunden, und wiederholte die ganze Thora in gewaltiger Vertiefung und großer Ausdauer, und sein Studium glückte ihm sehr. Und damit die Worte nicht als Lüge oder Übertreibung — fern sei das — erscheinen, verdient es erzählt zu werden, wie weit die Kleinheit des Rabbi Gadiel ging« Einmal machte man eine Flasche mit Olivenöl für die Lichter von Chanukka bereit, da fiel Rabbi Gadiel in die Flasche hinein und blieb dort, bis sein Vater kam, das Licht von Chanukka zu entzünden, und Öl in den Leuchter goß; da sprang Rabbi Gadiel heraus und sein Gesicht glänzte und er duftete wie das gute Öl. Und dieser seiner Kleinheit wegen fürchtete sich sein Vater, ihn hinaus unter die Menschen zu lassen, damit ihn nicht die Vorübergehenden zerträten, und er nahm ihn stets mit sich in einer seiner Taschen. Und wenn er zum Markte ging, Handel mit den Völkern der Welt zu treiben, so war Rabbi 'Gadiel in der Tasche seines Vaters und hörte, was sein Vater mit ihnen sprach und was sie mit ihm sprachen. Und so lernte er griechisch, lateinisch und arabisch, und kannte die Sprachen der Völker, daß er sie sprach, wie einer der Gleichnisdichter. Eines Tages sammelten sich viele aus den Völkern, deren Augen scheel auf den Vater des Rabbi Gadiel sahen, und sprachen: Bis wann wird dieser Jude noch unsere Nahrung fortnehmen? Schon längst ist die Stunde gekommen, ihn aus der Welt zu schaffen. Da sagten zu ihnen ihre Freunde: Wäre nur die Furcht vor der Regierung nicht, dann würden wir ihn lebendig verschlingen. Da stand einer von ihnen auf und sagte: Das Peßach dieser Juden nähert sich und kommt; nehmen wir einen Leichnam und werfen ihn in das Haus dieses Händlers und sagen: einen von uns hat er erschlagen, für seine Mazzoth hat er ihn erschlagen, sie in Blut zu backen, hat er ihn erschlagen. Dann wird man über ihn den Tod verhängen, und seine Habe teilen wir zwischen uns. Da wußten sie nicht, wie es ausführen. Da stand der Erfahrenste unter ihnen auf und riet ihnen und sagte: Es ist ihre Sitte, an ihren Peßachabenden vier Becher Wein zu trinken, und sie stellen einen großen Becher auf den Tisch, und als der Becher des Propheten Elija gilt er ihnen. Nehmen wir einen Schlauch voll Blut und erregen am Peßachabend ein Getümmel im Haus, und während er und seine Leute noch verwirrt sind, gießen wir den Wein im Becher des Elija aus und tun Blut darein. Die Sache wird vor die Richter und Ältesten der Gemeinde kommen und er wird in Fesseln gefangen gesetzt und gerichtet werden, und wir nehmen unsere Rache an ihm. Das hörten sie und sagten: Schön! Schön! und bereiteten vor, was nötig war, und brachten ein Gerücht im Orte auf und sprachen: Ein Knabe ist von uns verschwunden. Und sie machten Lärmens um den erdichteten Ver-

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