Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Der vierundzwanzigste April
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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6 Michael Jizchaki: Versailles — in den ersten Monaten jener Arbeit an einer Wiederherstellung der Welt, die allmählich zu einem Verzicht aller in jenen 14 Punkten verkündeten Ideale auf Verwirklichung ausartete. Und nun San Remo, wo — so scheint es — die Erkenntnis zu dämmern begann; die Erkenntnis der absoluten Unmöglichkeit, auf diesem Wege des systematischen Überbordwerfens einer feierlichen Verpflichtung nach der andern weiterzugehen. Dürfen wir diese sich leise bemerkbar machende Umkehr zu einer mehr menschlichen, mehr sich gleicherweise auf Wahrheit und auf Wirklichkeit besinnenden Behandlung der komplizierten Fragen als den Beginn einer neuen Ära ansehen? Haben die offiziellen Leiter der europäischen Politik die Stimme der Massen vernommen und verstanden, die in allen Ländern immer gebieterischer ruft — zur Gerechtigkeit, zur Liebe, zu einem besseren, gottgemäßeren Leben? Die Menschheit ist ermüdet. Auch wir sind ermüdet und auch uns fehlt die Kraft zum spontanen Ausbruch der Freude, zum bedingungslosen Glauben an das Glück. Wir müssen wieder lernen, wie man Glück und Freude empfindet, denn diese Fähigkeit ist in uns erstorben. Fast unmittelbar nach den Nachrichten über den Jerusalemer Pogrom hat uns die Kunde aus San Remo erreicht. Der ganze Schrecken der Verbindung dieser zwei Begriffe: Jerusalem — Jerusalem! — und Pogrom verdeckt vor uns mit blutigem Nebel die strahlenden Perspektiven, welche uns die Entschließungen von San Remo eröffnen sollten. Wir müssen den blutigen Schleier zerreißen, — wir müssen verstehen, was die Botschaft uns gebracht hat. Die Nachrichten, die zu uns gekommen sind, sind noch unklar. Der j Umfang desjenigen, was für das jüdische Volk in San Remo in entsprechenden Punkten des Friedensinstrumentes niedergelegt worden ist, ist uns noch unbekannt. Wenn wir alle Nachrichten summieren, dann scheint es festzustehen, daß im Friedenstraktat folgende drei Bestimmungen enthalten sind: 1. Palästina in den Grenzen, die durch ein besonderes Abkommen zwischen Frankreich und England geregelt werden müssen, wird von der Türkei abgetrennt; 2. das „Mandat" für Palästina übernimmt eine der Großmächte unter der Kontrolle der Liga der Nationen; und 3. diese Mandatarmacht muß bei der Durchführung des übernommenen Auftrags sich durch die feierlichen Versprechungen leiten lassen, die dem jüdischen Volke in der Balfourschen, von Frankreich, Italien, Amerika, Japan usw., ja von der ganzen zivilisierteil Welt indossierten Deklaration gegeben worden sind. Außerhalb des Friedensinstrumentes in einer besonderen Entschließung der in San Remo vertretenen Mächte wurde bestimmt, das Mandat für Palästina Großbritannien zu übergeben, .das unter der Kontrolle der Liga