Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 1
- Article
- In später Stunde
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
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In später Stunde 3 vergleiche etwa Deutschlands Haltung in Polen): nur die gegenwärtige Situation sichern, nicht *eine künftige vorbereiten (von der sie weder selbst begriff, noch aus London erfuhr, inwiefern ihre Herbeiführung im Interesse des Reiches liege); was angesichts des Fehlens einer nachdrücklichen Direktive der Zentralinstanzen naturgemäß dazu führte, daß sie dieser Zukunftssituation entgegenarbeitete. Es ist nicht an der Zeit, die Einzelheiten dieser Tätigkeit zu erörtern, die im wesentlichen darin bestand, die eine Partei zu schikanieren und die andere aufzuhetzen. Sie wirkte mit dem unseligen Einfluß, den die Versailler Zerfahrenheit auf den Orient ausübte, einerseits, mit der aufgerüttelten Besitzangst des arabischen „Großkapitals" (europäisch gesprochen) anderseits zu der Entwicklung zusammen, deren Frucht die Unruhen der jüngsten Monate, zuletzt der Pogrom von Jerusalem war. Die Rückwirkung dieser Entwicklung und dieser Begebenheiten auf die britische Regierung blieb nicht aus. Die Stellung jener Politiker und Militärs, die den Standpunkt der Deklaration mit verschiedenartigen Argumenten bekämpft hatten, wurde gestärkt; und als dazu auch die Differenzen mit Frankreich sich neuerdings wieder verschärften, kam der kritische Moment, da eine Desinteressementserklärung bevorzustehen schien. Dieser Moment ist nun überwunden, was großenteils auf das Verdienst unserer politischen Vertreter zurückzuführen ist. Aber sie werden dieses Verdienst erst dann zu einem wahrhaft unvergänglichen machen, wenn sie aus der Entwicklung der letzten anderthalb Jahre, aus den Begebenheiten der letzten drei Monate, aus der Krisis der letzten zwei Wochen die rechte Lehre und Konsequenz ziehen werden: die Lehre und Konsequenz der inneren Unabhängigkeit. Denn es hieße sich einer gefährlichen Täuschung ergeben, wenn man annähme, mit der Ersetzung der Entente durch den einen Mandatar und sodann der militärischen durch Zivilbehörden würde das Übel behoben. Wohl wird künftighin in Jerusalem voraussichtlich nicht mehr eine Horde jüdische Passanten mit dem Ruf: „Die Regierung ist mit uns!" angreifen können; aber darf man glauben, daß die nun einmal entfachte Bewegung sich durch die bloße Autorität Englands auslöschen lassen, daß sie nicht vielmehr in vielfältiger chronischer Form sich auswirken wird, wenn man sie nicht mit stärkeren Mitteln — stärkeren, aber nicht gewaltsamen, denn die könnten nie dauernde Abhilfe schaffen — zu beschwören vermag? Und darf man glauben, daß eine gegenwärtige europäische Regierung oder eine ähnliche ihr nachfolgende befähigt wäre, die richtigen Mittel zu'finden und anzuwenden? Daß sie befähigt wäre, in dieser Wendestunde des Orients eine überlegene und sinnvolle, eine innere Orientpolitik zu führen? Ich habe zu Anfang des Kriegs das Zeitalter, in dem wir leben, das der asiatischen Krisis genannt. Sie ist seither in ihr zweites Stadium getreten: das der beginnenden Auflehnung. Diesem Prozeß gegenüber hat sich das i*