Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 1
- Article
- In später Stunde
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 Martin Buber: Als die Vertreter der siegreichen Mächte in Versailles zusammentraten, gab e% kaum eine erhebliche nationalistische Bewegung unter den palästinensischen Arabern, jedenfalls keine erhebliche mit aggressiver Tendenz. Sie ist erst in Versailles, in Paris und London großgezogen worden: durch das weithin sichtbare Bild eines Beutestreits, der insbesondere die Verhandlungen über das türkische Besitztum zu einer endlosen Penelope-Arbeit machte. Die arabischen Vertreter fanden in Europa an Stelle eines eindeutigen Ordnungswortes ein Durcheinander und Gegeneinander von Stimmen, das ihnen den scheuen Respekt vor den Beherrschern des Planeten bald genug austrieb; sie verstanden bald so gut wie die Türken, sich hin und her zu verbündein, sich von der einen Macht gegen die andere, von der anderen gegen die eine ausspielen zu lassen Und die Beziehungen zu beiden zum eignen Vorteil auszunützen. Diese neue Haltung, das rasche Erziehungsprodukt des politischen Milieus Europas, wirkte notwendigerweise auf die arabische Bevölkerung zurück, die merkte, daß nicht, wie sie erst meinte, ein neues Stück, sondern nur ein neuer Akt des alten Spiels mit neuer Szenerie und neuer Besetzung begonnen hatte; zuletzt wurde auch das palästinensische Arabertum davon berührt. Als im Spätjahr 1917 die Kunde von der Balfourschen Deklaration nach Palästina kam, waren die einzigen, die sie mit einem ausgesprochenen Mißvergnügen aufnahmen, die arabischen Großgrundbesitzer. Zwar war von unserer Seite versäumt worden, den Fellachen klarzumachen, daß sie von der jüdischen Einwanderung eine Hebung ihrer Lebenshaltung zu erwarten hatten; aber sie waren im allgemeinen den Juden in einer etwas animalischen Weise wohlgesinnt und geneigt, sich mit ihnen zu vertragen. Dagegen fühlten die Effendis ihren Besitzstand bedroht, und mit Recht; denn Latifundien könnten sich einer zielbewußten nationalen Kolonisation gegenüber nicht auf die Dauer behaupten. Was konnten sie aber, zumal nachdem die Besetzung Palästinas vollendet war, gegen die Deklaration beginnen? Nicht viel, wenn mit ihr Ernst gemacht wurde; andernfalls allerlei: sie konnten insbesondre die eigne Bedrohung den unkundigen Fellachen als Bedrohung ihrer Existenz darstellen, wie es die Ausbeuter aller Völker zu tun pflegen, wenn sie die von ihnen Ausgebeuteten vor der internationalen Solidarität in die nationalistische zu retten trachten. Mit der Deklaration aber wurde nicht Ernst gemacht. Weder der verheißene Völkerbund noch der Ententerat noch die britische Regierung wandte sich mit einem Aufruf an die palästinensischen Araber, um ihnen die Lage eindeutig zu erklären und ihnen den wirtschaftlichen und kulturellen Gewinn darzulegen, der ihnen aus einer planvollen großen jüdischen Einwanderung erwachsen würde; von Europa aus geschah fast nichts, um das Einvernehmen zwischen Arabern und Juden im Interesse des künftigen national hc>me zu befestigen. Von Palästina selbst aus aber, aus den Kreisen der eingesetzten Verwaltung geschah alles, um es zu verstören; denn die Verwaltung wollte, was die Okkupationsbehörden im nachnapoleonischen Zeitalter zu wollen pflegen (man