Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Die zionistische Leitung und die Jubelstimmung-Macherei
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 521 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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BEMERKUNGEN Die zionistische Leitung und die Jubelstimmung-Macherei Im Novemberheft dieser Zeitschrift hat Nachum Goldmann der zionistischen Zentralleitung schwere Vorwürfe gemacht. Sie erzeugte, sagte er, und erhielt eine geradezu exaltierte Freudenstimmung, und da die volle Einlösung der Versprechungen unmittelbar nicht erfolgen konnte, so war die Enttäuschung unausbleiblich. Man erhitzte die Massen unseres Volkes zur rauschenden Begeisterung, um sie dann sich selbst zu überlassen. Es seien nun einem, der mit der Leitung, mit der Zentrale u. dgl. in keiner Beziehung steht oder geständen hat, einige Bemerkungen dazu gestattet. Goldmann hat in allem recht, nur müßte er fast überall die Worte „Leitung" und „Londoner Zentrale" fortlassen und an deren Stelle etwa „Partei-Journalisten"/ „Partei- Redner" usw. setzen. Die Leitung war in ihren offiziellen Enunziationen von ehrlicher, schöner Zurückhaltung, aber die Leitartikler! Ich konnte gerade in,der entscheidenden, überschwangsvollen Zeit nach der Balfour-Deklaration einigen Wiener Aufruf- und Artikelverfassern mit ihrer argen Trompeterei die erfreuend stillen, gedämpft-bescheidenen Manifeste der Leitung als Gegenmuster vorhalten (und habe dies gleichen Taktikern gegenüber noch jetzt z. B. in Lemberg in Artikeln und Vorträgen tun können). Später hat allerdings mancher Londoner Führer, sichtbar infiziert von den Leitartikeln und der dadurch hervorgerufenen Stimmung der Massen, hie und da in einer Rede, in einem Interview u. dgl. ein Wort, eine Wendung gebraucht, die besser hätte unterbleiben sollen. (Daß wir diese Wendungen eben nicht direkt, sondern schon durch das Medium derselben* p. t. Sensationellen vernommen haben, ist auch zu bedenken.) Als Dr. Weizmann im letzten Sommer auf der Konferenz der englischen Zionisten an deren Optimismus appelliert hatte, da schrieb ich gegen ihn unter dem Titel „Haut die Optimisten!" Aber auch da war eben nur seine Sicherheit hinsichtlich des diplomatisch-politischen Enderfolges angreifbar; von großen Hoffnungen für die Millionen, für die Massen, war auch da. nichts. Der Vorwurf Goldmanns, daß das Volk „von seinen Führern mit der Hoffnung einer baldigen Erlösung genährt wurde", trifft die Londoner Führer nicht. Freilich, der Krieg mit seinen Folgen, der vielleicht nur noch in Serbien so schwere Wirkungen hatte wie in den osteuropäischen jüdischen Massenzentren, diese Sintflut ungeheurer Leiden, Vertreibungen (euphemistisch: Evakuierungen), Hungerelend, Epidemien, Abschlachtungen usw. haben viele Hunderttausende jüdischer Existenzen vernichtet, Millionen Juden ökonomisch und seelisch haltlos gemacht, wie Spreu von jedem Wind und Windchen verwehbar, jeder auch unbegründeten, übertriebenen Hoffnung zugänglich, besonders da es sich doch um Erez- Israel handelt, um „unser Land" seit immerdar, und von dem in der heiligen Schrift „ausdrücklich steht", daß darin Milch und Honig fließe. Da ist natürlich doppelte, verhundertfachte Vorsicht, Verantwortlichkeit in der Darstellung der jetzigen Gegebenheiten und der nächsten Möglichkeiten dringendst geboten — und das ließen sträflicherweise viele der diversen Korrespondenten, Interviewer, Schreiber, Redner, Führer der Länder, Leiter der Zenträlchen usw. außer acht. Dagegen lese man z. B. den allerersten Programmartikel des Londoner leitungsoffiziellen, hebräischen „Haolam" (Oktober 1919), einen Einführungsartikel, der naturgemäß in „gehobener Stimmung" gehalten sein muß, und doch kann man sich über seine mustergültig gezügelte, ehrlich-nichtsversprechende, verantwortungsvoll-unsichere Einstellung nur freuen. Ganz in diesem Sinne schreibt in derselben Nummer auch Dr. Schmarjah Lewin — also einer von der Zentralleitung. Unter anderem sagt er: „Wir dürfen nicht vergessen, daß als einmal die zionistische Organisation die zionistische Bewegung dem Druck der Stunde dienstbar machen und rasche Hilfe bringen wollte — Uganda entstanden ist, das seinerzeit die Entwicklung der zionistischen Bewegung um zehn Grade retardiert hat. Begehen wir jetzt nochmals diesen Fehler und kommen wir dann mit der Entschuldigung, der drängende Moment und