Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Das moderne Hep! Hep!
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 513 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Das moderne Hep! Hep! 5*3. Es gab einmal eine Zeit, in der die evangelische Orthodoxie mit Vorliebe von der „Wiederherstellung der Juden" im Sinne der Erfüllung einer prophetischen Verheißung sprach. Eine solche Auslegung der Propheten ist heute weniger Mode. Statt dessen ist es modern, auf ein Christentum zu dringen, das seinen Ursprung verleugnet, das nicht organisch aus einer Wurzel erwachsen ist, sondern ein dunstartiger Reflex moderner Ideen ist. Der Christus des Matthäus hatte das Herz eines Juden*): ,,Geht vielmehr zu den verlorenen Schafen des Hauses Israels." Der Apostel der Heiden hatte das Herz eines Juden**): „Wünschte ich doch lieber verbannt zu sein von Christus zum Besten meiner stammverwandten Brüder nach dem Fleische, die da sind Israeliten, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und die Bündnisse, die Gesetzgebung, der Gottesdienst und die Verheißungen, welche die Väter für sich haben, aus welchen der Christus stammt nach dem Fleische." Bei modernen Aposteln, welche das Christentum preisen, finden wir einen anderen Tön angeschlagen. Sie halten sich lieber an den mittelalterlichen Ruf, den sie ins Moderne übersetzen. Aber auch der mittelalterliche Ruf war in der Sache sehr alt, älter als die Tage des Augustus. Die Heiden sagten Jahrhunderte hindurch: „Dieses Volk ist nicht wie wir und wird auch niemals uns ähnlich werden: strafen wir es dafür!" Die Juden blieben standhaft in ihrer Absonderung und infolge dieser Absonderung entstand das Christentum. In einem modernen Buche über Freiheit ist die Ansicht ausgesprochen, durch das Recht des Einzelnen, bei seinen Idiosynkrasien zu beharren, könne die Welt bereichert werden. Warum sollen wir das nicht gelten lassen von der Idiosynkrasie einer Nation und lieber aufhören, sie vorschnell niederzuschreien? Noch haben die Juden reichlich Gelegenheit, ihre Standhaftigkeit zu betätigen: nicht etwa dadurch, daß sie das helle Licht fernhalten, das die Wissenschaft auf ihre nationale Geschichte fallen läßt, sondern daß sie den ererbten Schatz, den diese Geschichte ihnen hinterlassen hat, liebevoll wahren. Jeder Jude sollte sich bewußt sein, daß er einem Kreise angehört, dessen Mitglieder sich vereinen in der Ehrfurcht vor den unsterblichen Leistungen und den unsterblichen Leiden der Ahnen, die ihnen einen geistigen und physischen Typus hinterlassen haben, der kräftig genug, hoch veranlagt genug und reich genug an ureigner Verheißung ist, um eine neue segenspendende Individualität unter den Völkern zu begründen, die herkömmliche Verachtung Lügen zu strafen und so eine edle Rache für das ihren Vätern angetane Unrecht zu nehmen. In einem bestimmten Sinne ist das würdige Kind einer Nation, die berühmte, unter den Dichtern der Welt hoch und unerreicht dastehende Propheten hervorgebracht hat, durch ihre Visionen verpflichtet. Verpflichtet? Ja! verpflichtet, denn das wirksame Band für die Taten des Menschen ist die Gesinnung, und das würdige Kind eines Volkes, welches den dreifachen Namen eines Hebräers, eines Israeliten und eines Juden trägt, fühlt seine Verwandtschaft mit dem Ruhm und mit dem Kummer, der Entwürdigung und der möglichen Wiederherstellung seiner Volksfamilie. Will jemand diese Gesinnung als nichtig hinstellen und dann seine Lehre als eine Weltanschauung bezeichnen? Er würde damit nur einen blendenden Aberglauben lehren, den Aberglauben, daß Menschenglück sich theoretisch aufbauen lasse unter Ausschaltung der Einwirkungen, die uns erst zum Menschen machen, *) Matth. 10,6. **) Rom. 9,3ff. Heft kl 33