Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Das moderne Hep! Hep!
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 499 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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George Eliot: Das moderne Hep! Hep! 499 DAS MODERNE HEP! HEP! Von George Eliot Zum ioo. Geburtstage der Verfasserin aus dem Englischen übertragen von Rosalie Perles Ähnlichkeiten herauszufinden bei aller Verschiedenheit erfordert, wie man weiß, nicht so viel Denkschärfe wie das Herausfinden von Abweichungen bei sonstiger Gleichheit, Die erste vorläufige Klassifizierung der Dinge erfolgt nach ihren hervorstechenden Ähnlichkeiten: der Fortschritt vollzieht sich in der Richtung einer immer feineren Unterscheidung der Dinge nach ihren kleinsten Verschiedenheiten. Aber selbst auf der jetzigen Stufe der europäischen Kultur kann man fortwährend beobachten, wie jene gröbere Denkfaulheit vorherrscht, die den Menschen selbst gegen den gewöhnlichen Anreiz zur Vergleichung unempfindlich macht, nämlich gegen die Zusammenstellung der Dinge nach ihren Ähnlichkeiten. Dieselben Beweggründe, dieselben Ideen, dieselben Handlungsweisen werden abwechselnd bewundert und verabscheut, gepriesen und verlästert auf Grund einer ganz oberflächlichen Differenzierung nach geschichtlichen oder noch heute bestehenden sozialen Unterschieden. Selbst gelehrte Schriftsteller nehmen bei Behandlung großer Gegenstände oft einen Standpunkt ein, der in seiner Logik nicht viel höher steht als der der leichtfertigen schönen Dame, die sich über die Leichtfertigkeit ihres Kammermädchens entrüstet. Was nun insbesondere die Juden betrifft, so würde es schwer fallen, irgendein schiefes Urteil zu finden, das nicht schon über sie ausgesprochen oder gedruckt worden wäre. Welches Gesicht auch diese Verständnislosigkeit zeigen mag, ob vorurteilsvoll, ob kindisch, ob hämisch, ob abgrundtief unwissend, der einzige immer wiederkehrende Zug ist der mangelnde Blick für Ähnlichkeiten. Daß das treue Festhalten an nationalen Erinnerungen ein Element und ein Mittel nationaler Größe ist, daß ihr Wiederaufleben ein Zeichen wiederauflebender Nationalität ist, daß jeder heroische Verfechter, jeder patriotische Erneuerer durch solche Erinnerungen inspiriert wurde und sie zu seiner Parole machte, daß sogar eine römische Legion und ein englisches Regiment ihre Tapferkeit schöpften aus dem, was ihre Fahnen ihnen kündeten, das sind ruhmvolle Gemeinplätze, die auf unsren Schulen und Universitäten gelehrt werden, die glücklicherweise durchtränkt sind vom Geiste griechischer und lateinischer Klassiker. Auch haben weithin sichtbare Geschehnisse unserer Tage sie der Welt noch tiefer eingeprägt. Daß es heute ein freies modernes Griechenland gibt ungeachtet aller Beimischung nichtgriechischen Blutes, verdankt die Welt dem alten Griechenland, wie es im Bewußtsein der Gebildeten lebt, und jeder Redner wäre der allgemeinen Zustimmung sicher, wenn er Byrons Hingebung für eine Sache priese, die ihren Glanz erst aus seiner idealisierenden Gleichstellung mit der Vergangenheit erhielt, aber schwerlich, wenn er durchaus nachweisen wollte, daß den Griechen nicht ferner zu helfen sei, weil ihre Geschichte zeige, daß sie schon im Altertum unübertroffen im Verrat und in der Lüge gewesen und daß viele moderne Griechen recht wenig ehrenwerte Charaktere seien, während andere einen zu großen Teil unseres Handels an sich reißen wollten. Anmerkung. Der vorliegende Essay aus der Sammlung „Impressions of Theophrastus Such" ist heute in mehr als einer Beziehung noch viel aktueller als bei seinem Erscheinen 1879. Derselbe wurde bereits damals von Emil Lehmann (Hamburg, Otto Meißner, 1880) ins Deutsche übertragen, doch ist diese, seitdem längst vergriffene Übersetzung formell vielfach unbefriedigend, so daß eine Neuübertragung auch aus diesem Grunde gerechtfertigt erscheint 32°