Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Ein nationales Volksgesundheitsamt
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 498 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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David Arjeh Friedmann: Ein nationales Volksgesundheitsamt sich herum — wenn diese Massen von Bazillenträgern mit den östlichen Zweigen wie Jemeniten, Kaukasiern usw. in Berührung kommen, deren Körper den Erregern dieser Krankheiten gegenüber noch ein jungfräulicher Boden ist, so muß eine furchtbare .Epidemie daraus entstehen, die beiden Teilen verderblich wird. Ein Beweis dafür sind die bösen Anzeichen der Zunahme der Schwindsucht bei den Jemeniten in Palästina nach ihrem Zusammentreffen mit den europäischen Juden im alten und neuen Jischub. Während der europäische Jude und der Europäer überhaupt zumeist von der Schwindsucht geheilt werden oder doch noch lange Zeit einigermaßen wieder hergestellt leben kann, tritt diese Krankheit bei den Jemeniten immer so schwer und galoppierend auf, daß sie unheilbar ist. Daher muß, solange es noch Zeit ist, dafür gesorgt werden, daß das Land seine Bewohner nicht tötet und daß die schwer ausrottbaren Saaten in ihm von vornherein nicht aufgehen können. Glücklicherweise kann in Palästina noch vorgebeugt werden. Die Aufgaben der Hygiene und Eugenik können dort noch durch eine genügende Zahl von Vorsichtsmaßregeln erfüllt werden. Anders in den Ländern der Diaspora. Wenn hier die Aufgaben der Landeskommissionen auch nicht so vielseitig und umfassend sind wie in Palästina, so sind sie doch schwerer und viel langsamer durchführbar. Denn die Defensive gegen das Eindringen des Feindes ist leichter als seine Austreibung. Auch kann der Würgengel im Galuth kaum an den Türen der jüdischen Häuser vorbeigehen, da unser Volk unter die andern gemengt ist und sein Tun und Lassen dem ihrigen entspricht. Trotzdem — vielleicht gerade deshalb — muß der nationale Hygieniker im Galuth zwischen seinem Volke und den übrigen scheiden. Den andern Völkern wird von allen Seiten Förderung und Schutz zuteil; wir haben keine staatlichen Anstalten für Hygiene, und auch besondere Ärzte stehen uns nicht zur Verfügung. Bei ihnen gründet jede Regierung Krankenhäuser und Forschungsinstitute und sorgt für Gesundheit und Volkswohl. Außerdem schafft die Gesellschaft von sich aus, auch ohne den Staat, die verschiedensten Anstalten für die Volksgesundung. All das fehlt uns. Wir müssen unsere Bedürfnisse selbst befriedigen. In den Ländern, in denen wir jüdische Autonomien erhalten, — wenn wir sie überhaupt erhalten — wird uns die Regierung finanziell unterstützen, aber die wichtigsten Anstalten, vor allem die Organisation, müssen wir aus eignen Kräften mit eigner Hand gründen, und zwar überall, wo jüdische Menschen wohnen. Den Besten im Volke liegt es ob, zum Besten des Volks zu wirken. Und zur Stunde schreit der Leib der Nation: Errettet mich! Denn was frommt uns die Wiedergeburt des jüdischen Landes, wenn das jüdische Volk verscheidet? Und es verscheidet doch, stirbt doch aus. Seine Seele strebt noch hinauf, doch der Leib beginnt bereits zu sinken, und zuweilen zieht er die Seele mit hinab. Wird also in dieser Stunde des Zusammenbruchs keine große Organisation für Volksgesundheit geschaffen, wie es Gegenwart und Zukunft fordern, so springen wir, wie vor einem Jahrzehnt unser großer Dichter voll Verzweiflung prophezeite, mit der Parole der „Wiedergeburt" auf den Lippen ins offene Grab. Soll es so kommen? Zurzeit Berlin David Arjeh Friedmann (Suwalki)