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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 11 · p. 497

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Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 11
Article
Ein nationales Volksgesundheitsamt
Date
1919-01-01
Page
497 (sequence 6)
Language
German
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Ein nationales Volksgesundheitsamt 497 Zukunft einsetzen wird. Diese gewaltige Wanderung eines Volks, dem es um sein Leben geht, eines verachteten, ausgeplünderten, verzweifelten, todmüden Volks, eine Flucht aus der Hölle, erfordert unermeßlich große sanitäre Hilfe, zumal sie sich voraussichtlich jahrelang hinziehen wird. Sie wird bei der Abreise aus dem Lande der Qual, unterwegs und bei der Ankunft in der neuen Heimat erforderlich sein. Denn auch die zionistischen Maximalisten sind sich darüber im klaren, daß die Massenflucht nicht nur auf Erez Israel, sondern auch auf andere Reiseziele gerichtet sein wird. Deshalb müssen die Landeskommissionen für Volksgesundheit an der nationalen Organisation der jüdischen Massenwanderung beteiligt sein und dafür Sorge tragen, daß die Auswanderer vom gesundheitlichen Gesichtspunkt für die Reise fähig und geeignet sind und von den- Ländern, die im Beanstandungsfalle Einwanderer zurückzuschicken pflegen, nicht aufgehalten oder zurückgeschickt werden können. Besonders verantwortungsreich ist die sanitäre Arbeit unter den Auswanderern nach Erez Israel. Hier darf man nicht nur individuelle, rein menschliche Hilfe, hier muß man die Bedürfnisse der ganzen Nation und die Zukunft Palästina als gesundes, kräftiges nationales Heim im Auge haben. In dieser Beziehung wird es schwere harte Konflikte geben zwischen den Pflichten des jüdischen Arztes gegenüber dem jüdischen Individuum und seinen Pflichten gegenüber der Gesamtheit, denn keinesfalls darf wahllos jeder Einwanderer in Palästina das Schiff verlassen. Die Palästina-Abteilung des Nationalamts für Volksgesundheit erhält besonders große Aufgaben und bedarf deshalb besonderer Selbständigkeit — obwohl auch Verbindung mit der Hauptorganisätion sehr wichtig ist —, und selbst wenn die Landeskommission in Palästina nicht ganz den Charakter einer staatlichen Anstalt tragen wird, so hat sie sich doch mit der Volkshygiene in ihrem ganzen Umfang zu befassen und ein weiteres Feld zu bearbeiten als die Kommissionen im Galuth. Das palästinensische Gesundheitsamt muß den Aufbau der Städte und Kolonien offenen Auges überwachen und jeden Vorstoß gegen die Forderungen der Hygiene und Eugenik verhüten. Zuverlässige Beamte müssen jeden Baumeister und Landwirt bei der Besiedlung des Landes soweit begleiten, als ein öffentliches Interesse in Frage steht, sie müssen sogar dem einzelnen zu Hilfe kommen, ihn über das öffentliche Interesse unterweisen und aufklären, ihm die zweckdienlichste und angemessenste Kleidungs- und Ernährungsweise in den Tropen klar machen und ihn anleiten, wie er am besten lebt. Das palästinensische Gesundheitsamt ist selbstverständlich das „große Hauptquartier" im Kampfe gegen alle im Lande vorkommenden ansteckenden Krankheiten, wie Malaria, Trachom, Lungentuberkulose, Lepra usw. Denn wenn ein Kranker im Galuth zehn Menschen ansteckt, so kann er in Palästina infolge der weit ungünstigeren Lebensbedingungen hundert anstecken. Daher ist es von Wichtigkeit, der Verbreitung der ansteckenden Krankheiten von vornherein Einhalt zu tun, und inbezug auf manche Krankheiten kann man gar nicht streng genug sein, es könnte sonst anläßlich des Zusammenstoßes der einzelnen Zweige 4es jüdischen Volks zu wahrhaft katastrophalen Erscheinungen kommen. Wenn z. B. der europäische Zweig, der sich im Laufe der Zeit eine gewisse Immunität gegen die in Europa ja sehr verbreiteten Krankheiten wie Schwindsucht und Syphilis erworben hat, — Tuberkulose-Bazillen trägt ja fast jeder mit Heft ii. 32

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