Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Nationale Minderheitsrechte der Juden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 488 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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488 Hans Kohn: Der Sinn und die Berechtigung der Forderungen nach nationalen Minoritätsrechten der Juden in der Diaspora dürfte damit klar geworden sein. Für die Juden, denen in der Zerstreuung die unumgängliche räumliche Grundlage einer Machtposition, das eigene Territorium, fehlt, handelt es sich bei diesem Postulat nicht wie für die anderen Völker um die zur Vermeidung der nationalen Kämpfe geforderte Festsetzung einer möglichst weiten autonomen Machtsphäre, gewissermaßen also der Demarkationslinie des nationalen Waffenstillstandsvertrags, sondern mehr um die Funktion der nationalen Rechte als Begrenzungen ihres der natürlichen Grenzen ermangelnden nationalen Seins. Dessen physischer Boden ist heute die verlockende, aber umso gefährlichere Weite der Welt und seine geistige Heimat der gegenwärtig bereits unbegrenzte Bereich der europäischen Zivilisation. Die nationalen Minderheitsrechte sind also die Schranken, die sich das Judentum selbst infolge der Schrankenlosigkeit seines inneren und äußeren Schicksals zu errichten gezwungen sieht, um nicht in dieser Grenzenlosigkeit unterzugehen. Daß es keine Ghettomauern sind, dies zu zeigen werden spätere Abschnitte versuchen, Prag Albrecht Hellmann PERSPEKTIVEN Hans Kohn, bis zum Kriegsausbruch Mitglied des Vereins jüdischer Hochschüler „Bar Kochba" in Prag und einer seiner führenden Geister, der Öffentlichkeit als Herausgeber des Sammelbuches des genannten Vereins „Vom Judentum" (1913) bekannt, geriet im März 1915 in russische Kriegsgefangenschaft und lebt seither unter wechselvollen Schicksalen im asiatischen Rußland, zunächst in Turkestan, dann in Sibirien. Er hat in Sibirien die jüdischen Gefangenen seines Lagers, dann auch der andern Lager organisiert, durch unermüdliche Propaganda und Vortragstätigkeit eine starke zionistische Bewegung geschaffen, wissenschaftliche, historische, hebräische Sprachkurse eingerichtet, mehrere interne Zeitungen herausgegeben usw. Durch die schlechte Postverbindung war Kohn fast völlig von seinen europäischen Freunden und von den zionistischen Informationsquellen abgeschnitten; später konnte er an der Hand der in Rußland erscheinenden russischen und hebräischen Organe sowie amerikanischer und englischer Zeitungen die Ereignisse verfolgen. Die Erfahrungen mit den Volksmassen im Osten, die Erlebnisse der Revolution und Nachrevolutionszeit, die Weite der asiatischen Stimmung haben Hans Kohn in der Linie einer Entwicklung weitergeführt, die — trotz der unterbrochenen Verbindung und trotz der völlig verschiedenen äußeren Lebensbedingungen — mit der seiner europäischen Freunde zusammenfällt. Der hier veröffentlichte Aufsatz, der in der Gefangenschaft geschrieben und uns durch einen Boten mit anderen Manuskripten und Briefen übermittelt wurde, ist als ein Dokument dieser Gesinnung, als leidenschaftliche Zusammenfassung zionistisch-menschheitlicher Forderungen aufzunehmen. Ereignisse wirken langsam auf die Massen, in denen nach kurzem Aufflackern die alte Trägheit und gewohnter Brauch die Oberhand behält; aber in der führenden Intelligenzschicht bringen sie — oft unbewußt — eine völlige Umgestaltung des Bewußtseinslebens mit sich. Der fünfjährige Weltkrieg und die russische Revolution — das gewaltigste richtunggebende Erlebnis der Menschheit seit 1793 — haben in solcher Weise gewirkt, sie haben eine neue Welt ge-