Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Gedanken zur Gründung der jüdischen Universität in Palästina
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 408 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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408 Arje L. Rosenblatt: am Freitag Abend beim Übergang vom Chol zum Kodesch. Aber wenn das Galuth drückender und lastender und der Alltag krasser wurde, ließ er die letztere Hawdalah weg, wohl nur darum, weil er in sich nunmehr die psychologische Unmöglichkeit vorfand, in einem Augenblick des Symbolisierens von dem „Hund" in den „Prinzen" sich zu verwandeln. Der Jude hat sich zu diesem Zwecke eine etwas Zeit in Anspruch nehmende liturgische Einleitung geschaffen, während deren er sich für den „Empfang des Sabbats" vorbereitet. Die Aufklärungszeit bringt den aufschlußreichen Satz: „Sei ein Mensch draußen". Dies war die wahrhafte Parole der jüdischen Aufklärungszeit, endlich doch mit dem schweren Galuth wenigstens insofern abzuschließen, daß der Jude am Alltag als Mensch erscheine. Der große Hund, von dem der letzte, bedeutendste Pionier der jüdischen Haskala, Smolenskin, sich nach der Darstellung seiner Biographen begleiten ließ, versinnbildlichte am schlagendsten die Antwort an die vorangegangenen, lediglich an der Sabbatweihe sich orientierenden Geschlechter. Dieser Mann aus der jüdischen Gasse hob auch darum am meisten den Alltag, er war auch darum zugleich der bedeutendste Mahner zu einem selbständig schöpferischen Hebräisch. Die Entwicklung aufwärts schreitet bei uns in der letzten Zeit riesenhaft fort. Zuerst ist das hebräische Wort von der Heiligkeitslast befreit worden, dann aber, ja fast zugleich, der jüdische Boden von dem auf ihm milde lastenden Messiasgedanken. Erez-Israel lag bislang in der Ferne einer geweihten Abstraktion. Nun will der Jude das Leben ganz umfassen und es in seinen Intellekt aufnehmen: er will nunmehr alles lernen. Dies ist das Zeichen des Zeitalters, sofern es jüdisch bedingt ist. Wenn aber der Jude, äußerlich in den Kot getreten, durch das „Lernen" der innerlich herrschende und nicht beherrschte Herrenmensch war, wenn er, um Gott ein Prädikat aus der Welt des Wirklichen beizumessen, ihn sich als lernend im Kreise der lernenden Engel vorgestellt hat, so sagt er auch jetzt gewiß nicht: Ich will lernen, um technisch klug zu sein, sondern er will es, weil er in seinen geistigen Zellen die Kraft ahnt, den gedanklichen Mechanismus der Welt aufzunehmen und zu verarbeiten. Der Jude wollte stets lernen. Der Satz klingt fast banal, enthält in sich jedoch ein ethnisches Programm von höchster Würdigkeit. So wie der Jude lernen wollte, wollte es kein Volk in der Welt. „Setze dich in den Staub zu den Füßen der Weisen und sauge ihre Worte mit brennendem Durste ein." Dies ist eine jüdische Verheißung, die buchstäblich erfüllt worden ist. Die Natur, Gott und die Engel lernen mit, wenn „gelernt" wird. So bekundet es des öftern die jüdische Sage. Der Baum und die Wiese, der Himmel und das Wasser sind keine schweigenden und passiven Zuhörer, wenn der Mensch dem Menschen „lernend" sich mitteilt. Die „Schechina" ruht dazwischen. Der Mensch wird in dieser Auffassung am erhobenen, verallgemeinerten Menschentum überpersönlich, daher bei uns auch der große Wert des Lernens im Sinne des Zusammenhangs mit der Gesamtheit, daher auch die Unduldsamkeit der Mitglieder dieser Gesamtheit gegen ein „fremdes" Lernen. Es heißt auch einmal von zwei Talmudgelehrten, daß, wenn sie miteinander über ihr Untersuchungsobjekt debattiert hatten, die in der Luft vorbeifliegenden Vögel infolge der Glut ihrer Worte verbrannt wurden. Dem „Lernen" und dem „Lernenden" war die Natur als Untertan gedacht. Der jüdische Gelehrte der vergangenen Geschlechter wird auch wirklich zum großen Teil ein über die „Natur" erhabenes Subjekt.