Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1916)
- Article
- Die Kriegswaisen
- Date
- 1916-07-01
- Page
- 271 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen 271 erheben. Vielleicht könnte die Waisenjugend im Zentrum ihres Lebens die Erkenntnis wirkend fühlen, daß sie nicht Opfer einer sinnlosen Brutalität, sondern der tragischen Verflechtung des jüdischen Volks mit den Fehlern, Verbrechen und Schicksalen fremder Völker wurde. Und daraus käme ihr die Gewißheit, daß sie selbst aufgespart wurde, das Judentum aus dieser Verkettung zu lösen; daß sie ohne die schützende und verschleiernde Atmosphäre der Familie gleichsam nackt in das Leben der Nation gestellt wurde, damit es in ihr zur Unerträglichkeit anwüchse und ihrer eigenen Seele keine Rettung als die allgemeine bliebe; daß sie arm ist, damit durch sie das Volk reich werde, dem sie sein Land erpflügt; daß das Leben ihr geschenkt wurde, um ihm es wieder schenken zu können. Schwerer hatte sie zu leiden als Polen, Deutsche, Russen und Franzosen, weil ihre Eltern Juden waren. Schwerer ist auch ihr Werk. Denn gibt es diese jüdische Nation? Nicht einmal das. Selbst sie ist erst ihre Aufgabe. Hier Bücher mit ewigem Gehalt — dort ein verwaistes Land; und zwischen beiden die verwaiste Jugend, berufen, dieses blühend zu machen und was aus ihm neu auflebt, nach jenen zu gestalten. Taten, von solchem Willen durchglüht, erwarten wir von der jüdischen Jugend, die irgendein Opfer an Kraft, Gut oder Gesinnung diesem Krieg gebracht hat. Und die Waisenjugend allein, vielleicht am härtesten betroffen, soll ausgeschlossen sein? Ihr allein soll verboten sein, sich freiwillig dem Größeren zu widmen? Und nur darum, weil es für ihre Pfleger näher liegt, einfacher, billiger ist in ausgefahrenen Gleisen hinzutrotten, weil es leichter, bequemer ist, ein längst untaugliches Erziehungssystem größeren Quantitäten zu adaptieren, als ein von Grund auf Neues zu erschauen und wirklich zu machen? Es ist ein heiliges Recht der Waisenschaft, sinnvoll und bedeutsam in den Prozeß der jüdischen Erneuerung eingegliedert zu werden. Unsere Pflicht ist, dies ihr zu ermöglichen. Wir müssen ihr Geld und Boden schaffen; wir müssen die Kräfte leihen, die vieltausendköpfige Waisengemeinde nicht als Schule, nicht als Heim, sondern als lebendigen Organismus in der äußeren Begrenzung und in den inneren Lebensbeziehungen aus jener besonderen Aufgabe zu formen. Wir müssen m Palästina die Kinderdörfer und Jugendgemeinden bauen, in denen die Jugend ihre Schönheit und Kraft entfalten, ihre Heimat «eben, die Schicksale des Volkes und der Menschheit kennen und die Zukunft wollen lernt; in denen jüdische Sprache und jüdischer Geist durch sie neu erstehen als Schöpfer und Bildner aller Beziehungen und Formen. Selbstverantwortlich und stolz verlassen sie erwachsen diesen Kreis, als Bauern, Handwerker, Arbeiter und Kaufleute eigenen Boden vom Volk als Lehen anzunehmen; als Lehrer, Forscher, Künstler, Ärzte und Technikerl sein geistiges Gut zu wahren, zu verbreiten und zu vertiefen. — Aber nicht als Einzelne haben wir Almosen zu spenden, als Nation haben wir zu leisten, Steuer für unsere Jugend, Tribut für das Judentum der Zukunft. Ihm dürfen diese Menschen nicht verloren gehen,, denn es kann nicht werden, es stirbt unwiederbringlich, wenn ihm nicht die Schar der unbedingt ihm Hingegebenen ersteht. Die Wunde darf ihm nicht geschlagen werden, daß seine vom Schicksal Gezeichneten, ihm Geweihten in allerhand Länder verstreut, an allerhand Kulturen verkauft, unheimlich schnell abtragen, was Jahrhunderte ineinander fügten. Soll jüdische Kultur kein leeres Wort, nicht bloße wehmütige Erinnerung bleiben, so muß, in eine große Gemeinschaft konzentriert, die Jugend erwachsen, die bereit, die gezwungen ist, sie zu neuem Leben zu pflügen, zu denken, zu bilden. Und dessen ist die Waisenschaft vor allen andern fähig. Sie wird die Glücklicheren aufrufen zur Nachfolge. Siegfried Bernfeld Vom Denkstil Achad-Haams Zum zweiten Band der deutschen Ausgabe.*) Das Gefühl eines Wiedersehens unter fremdem Himmel erfährt der hebräische Leser bei diesem Buche, in dieser Zeit. Er findet die Weltanschauung wieder, der er in manchem Punkt entwachsen ist; in einer Sprache, die, fürs Gedankliche weit heraufgebildet, den Reiz jener errungenen Prägnanz des hebräischen Originals naturgemäß nicht wiedergeben kann. Doch die Fremde macht kritisch auch gegen die Bewährtesten und die Entfernung der aktuellen Wirkung läßt einen neuen Maßstab erwachsen, der auf das Dauernde geht. Aber die hier gesammelten Aufsätze, empfangen beim erstenmal in der Spannung auf das Wort des Meisters zu seiner rechten Zeit, bewähren sich jetzt in der Prüfung auf ihr Dauerndes, erweisen ihren historischen Wert. Historisch will sagen, nicht Gewesenes, sondern *) Achad-Haam; Am Scheidewege, zweiter Band. Aus dem Hebräischen übertragen von Dr. Harry Torczyner; Jüdischer Verlag, Berlin*