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Der Jude · 1916-07-01 · Heft 4 (Juli 1916) · p. 270

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 4 (Juli 1916)
Article
Die Kriegswaisen
Date
1916-07-01
Page
270 (sequence 2)
Language
German
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270 Bemerkungen müssen die Zahl 20000 vervielfachen. Kaum vermögen wir uns diese Zahlen vorzustellen; wir haben kein Organ, das Elend dieser Tausenden nachzufühlen; nur der dumpfe Wunsch steigt auf: Brot, Wohnung, Kleidung, Licht und Lehre muß ihnen werden. So sind Komitees entstanden, die Gelder sammeln; Organisationen wollen Heime bauen; es regen sich Kräfte, diese verlassenen Kinder „in den Traditionen ihrer Väter und Mütter zu tüchtigen Menschen zu erziehen". Und wir dürfen gewiß sein, die vielberühmte jüdische Wohltätigkeit wird sich auch hier, hier erst recht, bewähren. Hunderttausende, vielleicht Millionen werden an kleinen und großen Spenden sich häufen und die primitivste Notdurft wird den jüdischen Waisen gedeckt werden; sie werden ihre physische Erhaltung als Einzelwesen gesichert bekommen. Keinesfalls mehr. Das sagen wir nicht, um durch Verbreitung übler Laune auch dies Wenige, dies Mindeste zu verhindern, sondern aus der Hoffnung heraus, vielleicht in einigen die deutliche Einsicht zu erwecken, daß viel mehr unausweichlich nötig ist. Man wird Waisenhäuser bauen. Ein Verein wird nötig finden, daß die Kinder streng jüdischgläubig, ein anderer aus Sorge für ihre materielle Zukunft, daß sie polnisch-assimilatorisch, ein dritter aus Sympathie für das Deutschtum, daß sie deutsch-assimilatorisch erzogen werden. Die eine Gruppe wird Handwerker, die andere Kaufleute, die dritte Lehrer aus ihren Zöglingen machen wollen. In engen Schlafräumen, in überfüllten Klassenzimmern, in Großstädten oder stagnierenden Kleinstädten, mit unzulänglichen, schlecht bezahlten und vergrämten Lehrern werden sie im bekannten Kasernenbetrieb des Waisenhauses die Armeleuteluft, um nichts gesünder und befreiender gemacht durch aufdringliches Mitleid, ein paar Jahre lang einatmen, um sich dann als fremdartige Juden oder als ausgestoßene Anähnler ohne Grundlagen, ohne Stütze, Hilfe und Perspektive in den Strom der Erwerbskonkurrenz hineingeworfen zu sehen. Der Hausierer, der Bettler, der jüdische Proletarier und der Auswanderer — das wird schließlich das gewisse Los der überwiegenden Mehrheit sein. Ein sinnloses Geschick hat sie in frühester Kindheit entwurzelt; ein sinnloses Geschick, Laune, Mitleid oder Ehrgeiz Einzelner, hat ihnen Leben und Brot zum sinnlosen Geschenk gegeben; als Einzelne ohne Sinn, Bedeutung und Aufgabe stehen sie vor der Zukunft vierfach arm, als Juden, Waisen, Mittellose und wohltätig Beschenkte. Andere werden sich in Familien untergebracht finden, und der wichtigste Zweck, der ihrem Leben gesetzt ist, wird sein, Dankbarkeit zu erweisen. Gehegt, verzärtelt die einen von diesen, die der Zufall an reiche, kinderlose Leute verschenkte, kümmerlich beengt die anderen, die einer armen kinderreichen Witwe als Notpfennig beschert wurden, werden sie alle aus jeder wahren Gemeinschaft gelöst, als isolierte Wesen heranwachsen. Die jüdische Gemeinschaft wird ihnen repräsentieren der langweilende und kleinliche Religionslehrer oder zweimal im Jahr die inspizierende Schutzdame; das jüdische Schicksal wird ihnen symbolisiert sein durch ihre brutalisierten Eltern und die unbegründete Güte fremder Almosengeber; die jüdische Zukunft wird ihnen erscheinen im matten Licht ihrer eigenen: den ungeschickt in fremde Gemeinsamkeiten Eingefügten bleibt kein Heil, als ihr gemäß die Kanten zu schleifen, die Farben zu dämpfen und im übrigen ein eigenes Schäfchen zu scheren. Um alles in eins zusammenzufassen: das Problem der Kriegswaisenpflege wird lediglich als ein quantitatives gesehen werden. Wie man bisher hundert erzog, wird man künftig 20000 erziehen. Zweihundert Waisenhäuser nebeneinander gestellt, wird heißen, die jüdischen Waisenkinder gerettet haben. Daß es so werden wird, fürchten wir. Viele Anzeichen sprechen dafür, keines gibt uns unrecht. Diese Kinder werden in Wahrheit dem Judentum und sich selbst verloren sein, wenn Judentum etwas Wesentlicheres ist, als im Machsor lesen und überdies nicht verstehen können, warum die Anderen einen als Fremden ausstoßen möchten; und wenn der am wenigsten sich selbst gehört, dessen Lebensinhalt er selbst ist und der im übrigen Machtwillen und Geldgier mit Glauben an Adonai zu vereinen vermag. Aber wird nicht keimhaft jeder dieser 20000 in irgendeiner Stunde fühlen, daß i*1 seinem eigenen Unglück seine Berufung für die Allgemeinheit liegen könnte? Daß der wohligen Bindungen der Familie verwaist sein, bereit sein heißt zu strengerer, höherer Bindung; daß Waisenjugend ohne Mittler eingefügt ist in den weiteren, wesensvolleren Kreis der Nation; daß sie der Nahverwandten beraubt, inniger, unbedingter den Nächstverwandten geweiht ist? Und vielleicht wäre Waisenerziehung, solch flüchtiges Fühlen zum Gedanken zu verfestigen; die Schrulle einer wirren Dämmerstunde zum System zu erweitern; das Empfinden eines einsamen Knaben zum Willen einer Jugendgemeinschaft

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