Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1916)
- Article
- Jüdische Volkslieder
- Date
- 1916-07-01
- Page
- 263 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Volkslieder 263 vielen Völkern der östlichen und der westlichen Welt zu finden? Weil das berühmte hebräische Original, das Chad-Gadjo, das Lied vom Zicklein, „das der Vater für zwei Suse gekauft", die einzig mögliche Weltregierung versinnbildlicht, nämlich die gerechte. „Und es kam das Kätzlein und fraß das Zicklein", „und es kam das Stöcklein und schlug ...Bis endlich Gott selbst kommt und den Todesengel schlachtet. Im Original ist, wie gesagt, das gerechte Weltprinzip veranschaulicht, ohne Zwischenstufen und nur durch die Tatsachen, die wie von selbst aufeinanderfolgen, begründet. „Und es kommt der Hund, —und es kommt der Stock" — „und es kommt" — das ist das Wesentliche. Bis Gott, das letzte Kommende innerhalb der logischen Aufeinanderfolge, durch sein dauerndes Leuchten die Vergänglichkeit auslöscht. Da ist nun das Lied, das Achim von Arnim und Clemens Brentano in ihrer Sammlung „Des Knaben Wunderhorn" unter „Kinderlieder" gesetzt haben, bezeichnenderweise mit der sie selber schändenden Überschrift: „Für die Jüngelcher von unsern Leut'". Unsere Variante bringt ein anderes Weltprinzip zur Geltung: das der göttlichen tätigen Schöpfung selbst. Da ist ein Bauer, der Äpfel pflücken soll, Äpfel sind, die fallen sollen, Feuer soll brennen, Wasser soll löschen, — alle Dinge sollen wie in einem mechanischen Uhrwerk sich vollziehn; aber nichts will geschehn. Da zieht der Meister das Werk auf — und alles geschieht nun, wie es soll. Nichts ist etwas ohne Gott, weder Tod noch Leben, weder Ding noch Mensch noch Mittelding, weder Feuer noch Wasser, noch Tier, noch Engel, alles ist etwas nur durch Gott, — alles will, wenn Gott will. Das Tun, die Ur-Tat berührt das bunte Wesen im Zentrum, und das Herz der Welt beginnt zu schlagen: nun will der Stock das Hündchen schlagen, das Hündchen will das Kätzchen beißen, das Kätzchen will den Bauern kratzen, der Bauer will die Äpfel pflücken, die Äpfel wollen fallen. Das Stück ist außerdem entzückend poetisch: die Welt ist der Wald, der dunkle, unheimliche Wald, in welchem die lebendige tiefe Natur noch einmal so lebendig ist. Dieser Wald gibt nun im Gegensatz zur Allgemeinheit des Originalliedes einen echten, rechten vorstellbaren Schauplatz ab, und mit einer heiligen Scheu sehen wir namentlich den Herrn in den Wald hineingehen, — „er soll den Todesengel schlachten, er soll den Todesengel schlachten. . ." Und wenn selbst diese hübschen Wiederholungen von einzelnen Phrasen sich beim Singen aus der rhythmischen Notwendigkeit ergeben, so empfinden wir doch beim Durchdenken des Textes manche Wiederholung als Steigerung: „Äpfel wollen schon fallen, und Apfel wollen schon fallen", — ja, jetzt wollen sie, denken wir, wie sollten sie anders. ~ Pryluzki, der von allen Sammlern mit dem feinsten und leisesten Ohr hört und demgemäß das reinste Jiddisch anstrebt und das Möglichste erreicht, setzt diesmal die erste Zeile des Liedes in einer Anmerkung noch genauer als sonst hin, ohne auch nur im mindesten durch neues Deutsch sich stören zu lassen. Sie lautet, in deutschen Lettern exakt wiedergegeben: „Schickt der Ha r'a Poo r'in Wald aran." Gott hat geschaffen Himmel und Erde. Gott ot baschaffn Himmel in Erd. Fin der Erd — a Korien arois. Der Korien — fin der Erd, Gott ot beschaffen Himmel in Erd. (Übertragung:) Gott hat geschaffen Himmel und Erde. Von der Erde — eine Wurzel heraus. Die Wurzel — von der Erde, Gott hat geschaffen Himmel und Erde.