Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1916)
- Article
- Die deutschen Juden in der deutschen Politik
- Date
- 1916-07-01
- Page
- 222 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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222 Moritz Bileski: eine geistige Durchdringung der staatlichen Probleme und sieht in den verteidigten oder erstrebten Einrichtungen die Lehren der Geschichte, deren Verständnis es für die Gestaltung des Staatslebens nutzbar zu machen gilt. Das Programm wird erstrebt, weil staatsphilosophische, aristokratischem Empfinden entstammende Überlegungen so die beste Gewähr für die Erhaltung und Förderung staatlicher Macht und nationaler Kultur ergeben haben. Diese Art der geistigen Begründung, die das Wort „kulturkonservativ" hervorgebracht hat, besitzt ihre besondere Wirkung auf jüdische Kreise, die — soweit nicht wirtschaftliche Gründe mitsprechen — nur auf diesem gedanklichen Wege zu konservativen Anschauungen kommen können (wenn die zugrunde liegenden Empfindungen gegeben sind). Es bleibt der Vollständigkeit wegen noch zu erwähnen, daß auch die Zentrumspartei gelegentlich jüdische Anhängerschaft besitzt, die sich allerdings wohl nur bei den Wahlen äußert. Eine innere Anteilnahme erscheint ausgeschlossen bei dem Charakter der Partei, deren Tätigkeit darauf gerichtet ist, die Ansprüche einer anderen Konfession zu verfechten. Die — an sich noch seltsame — äußere Unterstützung ist zurückzuführen auf das Interesse, mißliebige Gegner des Zentrums am Siege zu verhindern und findet ihre gelegentliche Begründung darin, daß vom Zentrum allgemeine Toleranzgrundsätze vertreten werden. Wichtiger ist jedoch die Tatsache, daß in manchen, vom Zentrum beherrschten Landesteilen die Juden ihre allgemeinbürgerlichen Interessen dem Zentrum anvertrauen müssen, wenn sie diese und die Abwehr entgegengesetzter Bestrebungen überhaupt zum Ausdruck bringen v/ollen. 3- Versuchen wir, nach dieser Feststellung des äußeren Tatbestandes, tiefer in die gegebenen Verhältnisse einzudringen, so ergibt sich zunächst eins. Der nationale Faktor, den das Judentum darstellt, wirkt bei der Formung der politischen Anschauungen nicht als lebendige Kraft. Die Besonderheiten des Judentums, seine geschichtlichen Schicksale und die daraus hervorgegangenen sozialen Zustände kommen naturgemäß überall in sehr starkem Maße zur Geltung. Aber das geschieht nur, weil diese Tatsachen eben vorhanden sind, gewissermaßen durch ihr totes Gewicht. Dagegen fällt es kaum jemandem ein, die Bedeutung der nationalen Eigentümlichkeiten auch für die politischen Verhältnisse mit Bewußtsein zu erfassen, oder gar aus ihnen Richtungsmerkmale zu entnehmen und sie zu Trägern lebendiger, wirksamer Gedanken zu gestalten. (Der national jüdische Teil des deutschen Judentums war bisher noch nicht stark genug, um eine bezeichnende Bedeutung zu besitzen, und außerdem nahmen die Nationaljuden nur selten zu den Fragen der deutschen Politik Stellung.) Diese Vernachlässigung des nationalen Elements ist von Wichtigkeit. Wenn die überragende Wirkung nationaler Kräfte heute vor allem in der äußeren Politik besonders deutlich geworden ist, so ist doch auch ihr starker Einfluß auf innerpolitische Fragen leicht festzustellen. Es bedarf nicht des Hinweises auf den innigen Zusammenhang innerpolitischer Anschauungen mit den Entscheidungen über äußere Politik. Ganz unmittelbar ist die Wirkung des nationalen Gedankens auf die innere Politik zu erkennen, nicht nur in Nationalitätenstaaten wie Österreich, sondern auch in einem Nationalstaat wie Deutschland. Es genügt, an die früher erwähnten Wandlungen der Parteien zu erinnern, denen die Vertretung nationaler Gedanken ferner lag, und an die notwendige Änderung in der Haltung der Regierung und