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Der Jude · 1916-07-01 · Heft 4 (Juli 1916) · p. 213

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 4 (Juli 1916)
Article
Die deutschen Juden in der deutschen Politik
Date
1916-07-01
Page
213 (sequence 2)
Language
German
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Die deutschen Juden in der deutschen Politik 213 vom Durchschnitt gesprochen — ein höherwertiges politisches Interesse nicht zugesprochen werden. Das zeigt sich einmal darin, daß dem Interesse die Intensität lebendigen, hingegebenen Empfindens fehlt. Es gibt — oder gab mindestens bis zur Zeit vor dem Kriege — weder berufsmäßige Pflichten noch ernsthaftere dilettantische Neigungen, die einen Anreiz zu tieferer Beschäftigung mit Politik hätten bilden können. Die deutschen Juden werden zum überwiegenden Teile innerlich vor allem von den Dingen berührt, die mit ihrer privatwirtschaftlichen Lage zusammenhängen. Alles, was das Leben wirklich erfüllt, gilt der Verbesserung der wirtschaftlichen Existenzbedingungen. Der Mann wirkt bestimmend und ist angesehen bei anderen, der die Technik dieses Kampfes ums Dasein am vollendetsten beherrscht und am geschicktesten anwendet. Die Enge des Horizontes geht sogar so weit, daß fast nie die Abhängigkeit der privatwirtschaftlichen Verhältnisse von der Volkswirtschaft erkannt wird — vielleicht nur da, wo die riesigen Maßstäbe des privatwirtschaftlichen Betriebes schon unmittelbaren Einfluß auf die Volkswirtschaft gewinnen und unmittelbar von ihr beeinflußt werden — und daher eine Quelle zum mindesten wirtschaftspolitischen Interesses nicht entspringen kann. (Es braucht hier nicht hervorgehoben zu werden, daß diese Einstellung auf die Privatwirtschaft aus mannigfachen Gründen schätzenswert sein kann; ebenso, daß die „Enge des Horizontes" mit einem in vielen Beziehungen weiten Gesichtskreis und offnen Blick zusammengehen kann; hier gilt es, diese Isoliertheit der Interessen für das Verhältnis zur Politik zu bewerten.) Es ist hinreichend bekannt, daß der Begriff des modernen Judentums neben dieser ökonomisch-interessierten Gruppe einen zweiten, ebenso charakteristischen Bestandteil enthält. Dieser Teil, der sich im allgemeinen um die jüdische Akademikerschaft gruppiert, hat sich von der Herrschaft des materiellen Interesses frei gemacht. Seine Neigungen gehören, in den verschiedensten Abstufungen und Variationen, allem, was sich an das geistige und seelische Leben des Menschen wendet. Jede Gattung von Literatur und bildender Kunst findet Pfleger und Jünger unter dieser Art von Juden, Der Typus ist in einzelnen Figuren und in Beschreibungen der gesamten Gruppe oft genug geschildert worden. Für uns ist es von Wichtigkeit festzustellen, daß ein sehr erheblicher Teil auch dieser Schicht sich in seinen politischen Interessen von der jüdischen Erwerbs-Bourgeoisie nicht unterscheidet. Darüber hinaus findet sich sogar recht häufig ein bewußtes Vermeiden, ja eine Verachtung aller politischen Dinge; man empfindet sie als gefährlich und minderwertig im Vergleich mit den Gegenständen, aus deren Pflege man allein Erhöhung und Veredelung der Seele des Einzelnen zu empfangen glaubt. Andererseits umschließt diese Gruppe des gebildeten Judentums auch diejenigen Juden, denen man — im Gegensatz zu den eben Geschilderten — mit Recht politische Interessen zusprechen kann. Von ihnen soll sogleich die Rede sein, Vorher jedoch ist festzustellen, daß der großen Masse der deutschen Juden ein vollwertiges Interesse für Politik fehlt. In den Regungen, die zu politischer Anteilnahme führen, vermissen wir das zu voller Klarheit gesteigerte Bewußtsein von der Notwendigkeit einer unbedingten und unmittelbaren Hingabe an den Staat. Selbstverständlich empfängt jedes politische Empfinden und Handeln bestimmende Einwirkungen aus dem privaten Lebenskreise des Einzelnen. Aber über diesen engen Zirkel hinauszusehen, sein Ruhen in dem weiten Gebiete des Staates zu erkennen, das ist es, was wertvolles politisches Interesse genannt werden kann. Nur wer begriffen hat, daß

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