Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Bewegung und Organisation
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 384 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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384 Bemerkungen zu Taten und zu Opfern fähig ist, denn ohne Opfer kann in dieser Welt keine Idee zur Wirklichkeit werden. Sie vergessen auch, daß nur eine aus dem Herzen fließende — und nicht eine mit Hilfe des Verstandes ausgeklügelte — Idee die Macht besitzt, die Herzen der Gegner und das Heer der Gleichgültigen zu erwärmen, sie zu Taten und Opfern fortzureißen. Und wohl die größte Gefahr, die einer Idee seitens ihrer Organisation droht, besteht darin, daß die Organisation mit der Zeit vergißt, daß sie als Trägerin der Idee ihre Kraft bloß aus der tiefen, absoluten Wahrheit der Empfindung schöpft: eine neu auftauchende Wahrheit erobert die Herzen nur dank dem ihr aufgedrückten Stempel der Wahrhaftigkeit; diese Idee hat mit den „konventionellen Lügen" nichts gemeinsam, sie kennt keine Rücksicht und keine moralische Bestechung, sie nimmt auf äußere Hindernisse keinen Bedacht; ein an eine Idee Glaubender gleicht einem Manne, der an einem hellen Tage auf einem hohen Berge steht und in die Ferne blickt: er weiß zwar, daß zwischen seinem Auge und dem fernen Gesichtskreise Flüsse, Berge und Hügel, eine Ferne liegt, aber all dies hindert ihn nicht zu sehen und an das Gesehene zu glauben. Jene Wahrheit des Herzens erleuchtet auch die Vernunft, macht diese ihr dienstbar als eines der Mittel zur Erreichung des Zweckes, aber nur sie ist der unerschöpfliche Quell, der der aufwärts strebenden Seele Nahrung gewährt, welche die inneren Kräfte potenziert und mittels dieser die äußeren; diese Wahrheit ist das wahre Lebenselixir für die Organisation und ihre Mitglieder. Eine Organisation also, die ihrem ureigensten Zwecke treu bleiben will, muß darnach streben, den Brunnen ihres Lebens, der jedesmal frisch verschüttet wird, zu reinigen — muß jedesmal zu ihrem Ursprung zurückkehren, zur Idee. Denn mannigfaltig sind die Gefahren, die sie umgeben: Vor allem berücksichtigt die Partei oder Organisation bei ihrem Bestreben, neue Genossen parforce zu werben, den Weg nicht, den die Gründer gegangen waren, bis sie ihr Ziel erreicht: sie vergißt, daß es gilt, die Herzen zu erobern und daß es nicht genügt, den Verstand durch Gründe zu bestechen; denn der Verstand ist an und für sich unfruchtbar, er wirkt seine Wunder erst im Kontakt mit dem Reiche des Gemüts. Die Organisierten übersehen, indem sie nach einem raschen Siege streben, daß der Raschheit des Sieges die Raschheit der Niederlagen entspricht: es genügt, daß die Partei eine äußere Niederlage erleide, um die über Nacht Geworbenen schmählich abfallen zu lassen. Diese aber, die zur Partei nach dem langen Wege innerer Zweifel und schwerer Kämpfe gestoßen waren, sie raffen bei äußeren Mißerfolgen alle ihre Kräfte zusammen, da sie es tief empfinden, daß man große Krisen nicht im Handumdrehen und nicht ohne Opfer überwindet. Und wenn die Partei eine solche Periode der „Veräußerlichung", der „Versteinerung des Herzens" erreicht, wenn sie sich immer mehr von ihrem Urquell, der Idee, entfernt hat, dann verliert sie gerade in den Augen der Besten an Wert, bei denen die Idee der Mittelpunkt ihres Lebens ist. Wenn diese der Diskrepanz zwischen beiden sich bewußt werden, krampft sich ihr Herz vor Leid zusammen, sie geraten in Verzweiflung und schließlich verlassen sie die Reihen der Organisation. Und dann bemerkt der Betrachter ein sonderbares Bild: einerseits Menschen, die mit einer gewissen Aufopferung für die Organisation kämpfen, in der Meinung, sie kämpften für die Idee; sie sehen aber gar nicht ein, daß sie nicht ein lebendes Wesen an ihre Brust drücken, sondern einen entseelten Leichnam; andererseits aber stehen die Fühlenden in einer Ecke und beweinen den Untergang ihrer Welt. Es bedarf aber bloß der neuerlichen Verbindung von Idee und Partei, damit beide Wiederaufleben. Welche Symptome verraten nun den geschilderten Niedergang einer Organisation? Doch wohl am besten die Tatsache, daß ihre Verteidiger Angst zu haben beginnen vor der Wahrheit, die keine Rücksicht kennt; wenn sie in ihrem reinen Streben die Kritik fürchten, weil sie der Bewegung schaden könnte. Diese Armen und Kurzsichtigen, die die ewige Erfahrung verlernt haben: daß es keine Kraft auf Erden gibt, die den Weg der reifen Wahrheit, die in die Herzen der Menschen dringen muß, zu verrammeln vermöchte! Chaim Tartakower Für die Redaktion verantwortlich: Siegfried Lehmann, Frankfurt a. M., Grüneburgweg 101. — Für Österreich: Dr. M.Präger, Wien I, Rotenturmstraße 22. — Verlag von R. Löwit, Berlin und Wien. — Druck von Oscar Braadstetter in Leipzig,