Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Israel-Homunculus
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 382 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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382 Emil Levy: Israel-Homunculus Verwandlungslust bezwungen, auf dem Proteus-Delphin der bezaubernden Erscheinung entgegenführen. In dieser holden Feuchte, Was ich auch hier beleuchte, Ist alles reizend schön. Proteus aber schmeichelt und lockt: In dieser Lebensfeuchte Erglänzt erst deine Leuchte Mit herrlichem Getön. Das Verhängnis vollzieht sich — das Verhängnis des Schmetterlings, der sich in die Flamme stürzt. An dem Muschelwagen der Schönheit steigert sich der Eros zum Paroxysmus des Selbstmordes, und die Phiole zerschellt. Nereus: Was flammt um die Muschel, um Galatees Füße? Bald lodert es mächtig, bald lieblich, bald süße, Als war' es von Pulsen der Liebe gerührt. Thaies: Homunculus ist es, von Proteus verführt. . . Es sind die Symptome des herrischen Sehnens, Mir ahnet das Ächzen beängsteten Dröhnens; Er wird sich zerschellen am glänzenden Thron; Jetzt flammt es, nun blitzt es, ergießet sich schon. Ist dem Judentum ein ähnliches Schicksal bereitet? Wir müssen sagen, daß solch eine Lösung des Konfliktes noch vor kurzer Zeit wahrscheinlich schien, ja, von vielen heute noch als die einzig erstrebenswerte ersehnt wird: Es ist die völlige Auflösung Israels durch seine Hingabe an das hellenisch-indogermanische Kulturideal. Dieses Kulturideal erschien als die siegreiche Göttin der Schönheit und Liebe, und mit der ganzen Leidenschaftlichkeit des Eros hat eine vergangene Generation um ihre Gunst gebuhlt, Traditionen, Ordnungen und Bindungen zerschellten an Galatees Muschelwagen. Es war wohl ein farbenprächtiges Schauspiel, wie das Leuchten des untergehenden Geschlechts ringsum die Wellen in Glut tauchte und die Kulturen der Völker unser Herzblut tranken, — aber wehe uns, wenn der nationale Selbsterhaltungstrieb nicht rechtzeitig den Eros der Selbstauflösung getötet hätte! Wir haben nicht nötig unterzugehn, um natürlich zu werden, und wir lehnen für uns die Lösung ab, die Goethe für seinen Homunculus-Konflikt gefunden hat. Wir brauchen uns nicht in Urelemente aufzulösen, damit nach Jahrtausenden irgend ein Volk unseres Ebenbildes und unserer Ähnlichkeit neu erstehe. Noch dürfen wir hoffen, denn auch in unserem Homunculuszustand haben wir uns die Erinnerung vergangener Irdischkeit bewahrt, Erde und Erdgeruch Palästinas. Ein wesentlicher Unterschied scheidet uns von Homunculus: Unser Volk ist einst „natürlich" gewesen, was Homunculus niemals war, und es kann zu dem ursprünglichen Zustand zurückkehren. Gleich jenen Weizenkörnern, die man in alten Mumiensärgen gefunden haben soll, hat sich die jüdische Keimkraft durch die Jahrhunderte erhalten, sie braucht nur in das artverwandte Erdreich gesenkt zu werden. Palästina wird uns aus dem Zustande der Starrnis ebenso erlösen, wie die Berührung hellenischen Bodens die Betäubung Faustens in frischestes Leben wandelte. Nicht mit dem Ozean der Weltkultur, sondern mit unserer Urerde gilt es Vermählung zu feiern! Das ist der Eros, der uns heute erfüllt Berlin Emil Levy