Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Israel-Homunculus
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 379 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3101111-3101150-3101158-3104672--3503-3104725- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Israel-Homunculus 379 ihrer selbst bewußte Geistigkeit ist nicht so viel wert wie ein Lot elementaren Lebens, selbst 'auf der untersten Stufe der Organismen, Und es ist die Sehnsucht des rein Geistigen, sich zu materialisieren, körperliche Funktion zu werden, auf die Gefahr hin, den natürlichen Entwicklungsprozeß ganz von vorne, von den allerprimitivsten Lebensformen an, beginnen und durchlaufen zu müssen._ Wir glauben nicht, daß Goethe die „Judenfrage" in seinen Faust hineingeheimnissen wollte. Aber auch die Einzelheiten seiner Homunculusdarstellung weisen mit dem schwierigsten und brennendsten der uns bewegenden Probleme merkwürdige Ähnlichkeiten auf: Kann überhaupt, und auf welche Weise kann das Judentum, das heute als eine beinahe rein geistige Potenz erscheint, des Segens der Natürlichkeit und eines elementaren Lebens teilhaftig werden? IL In der Studierstube ist eine seltsame Geburt vor sich gegangen. Der Gelehrte Wagner hat den künstlichen Menschen aus vielen hundert Stoffen zusammengemischt, und ein artiges Männlein ist entstanden. Seine Daseinsbedingungen sind sonderbar. Das Menschlein kann, da nicht aus der Natur hervorgegangen, auch nicht unter natürlichen Verhältnissen gedeihen und muß in der Phiole eingeschlossen bleiben, wenn es sein künstliches Dasein fristen will. Aber die Phiole mit dem Menschlein drin hat ihre eigene Natur. Sie ist den Erdengesetzen nicht Untertan. Frei schwebt sie, von dem Willen des Homunculus getragen, von Ort zu Ort. Und eine magische Kraft geht von ihr aus. Wenn Homunculus schwebt, beginnt das Glas der Phiole zu leuchten und zu tönen, und die ganze Umgebung ist wie bezaubert von dem Lichtschein und dem Dröhnen des Glases. Wehe aber dem Männlein, wenn durch irgendeinen Unfall die dünnen Wände seiner gläsernen Behausung zerspringen sollten. Das würde das Ende der Homunculus-Existenz bedeuten. Dröhnen und Leuchten der Phiole sind gewissermaßen Emanationen der unglaublichen geistigen Kräfte, über die der Homunculus verfügt. Sein Wissen umfaßt Vergangenheit und Gegenwart, und er ist sich selber als eines künstlich entstandenen und künstlich am Leben erhaltenen Gebildes in einem unheimlichen Grade bewußt. Und ein unruhvoller Drang erfüllt ihn, in der Welt der Erscheinungen sich sofort schaffen zu machen: Dieweil ich bin, muß ich auch tätig sein/ Wie Josef deutet er nicht nur Träume, sondern errät sie sogar. Wo Wagner und Mephisto ratlos sind, was sie mit dem schlafbetäubten Faust anzufangen haben, weiß er sofort Grund und Heilung des Übels zu nennen: die Liebe zu Helena und die klassische Walpurgisnacht Mit verblüffender Sicherheit durchleuchtet der Knirps die geheimsten Seelenregungen menschlicher und dämonischer Wesen. Dem Erzeuger Wagner redet er wohlwollend zu, daheim im Laboratorium zu bleiben. Den Mephisto, der die Reise zum Peneios mitmachen soll, Weiß er sogleich bei seiner schwachen Stelle zu packen: Und wenn ich von thessalischen Hexen rede, So denk ich, hab ich was gesagt. Auf den pharsalischen Feldern trennen sich Faust, Mephisto und Homunculus. Als das vereinigende Prinzip wird letzterer von Mephisto anerkannt und Um seine weiteren Dienste gebeten: