Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Unser Weg zur Kunst
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 368 (sequence 2)
- Language
- German
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368 Helene Hanna Cohn: Im gleichen Augenblick finden wir die Völker des Orients vor dem Schicksal stehend, von europäischer Macht und von europäischem Geiste bezwungen zu werden. Und finden gleichzeitig deutliche Spuren eines Erwachens im Orient. Von großen Orientalen ausgesprochen, hören wir die Forderung an die Völker des Morgenlandes, hinabzusteigen zu den Quellen ihres Wesens, heraufzuholen was ihr Eigenstes ist und dem andrängenden starken Europäismus einen stärkeren Orientalismus entgegenzustellen. (Es sei an dieser Stelle auf Rabindranath Tagores bedeutsames Buch „Nationalismus" verwiesen.*) Was das endliche Ergebnis dieses Gärens sein wird: der Sieg des Okzidents über den Orient; der Sieg des Orients über den Okzident; oder ihrer beider Verschmelzung zu einer neuen Menschheit — wer wagt es vorauszusagen? In dieser Stunde des Weltgeschehens gehen wir, jgezeugt im Orient, gereift im Okzident, in das Land auf der Schwelle zwischen Morgen und Abend. Es wird lange dauern, bevor wir selbst erkennen werden, zu welcher der beiden Welten wir gehören, und uns bewußt auf diese oder jene Seite stellen oder aber es als unsre Bestimmung einsehen werden, als Brücke zwischen den beiden Welten an ihrer Versöhnung mitzuschaffen. — Von allen Zweigen des Lebens ist die Kunst der, in dem sich das Erleben des Einzelnen und durch ihn das seines Volkes am unmittelbarsten äußert. Rücksicht auf Gebote der Klugheit, willkürliche Befolgung der von andren gemachten Erfahrungen können nur in verschwindendem Maße dahin führen, das unmittelbare Empfinden zu verschleiern. Unverzerrt durch Verstandesmomente tritt der Gefühlskern zutage. So wird sich wohl auch bei uns in der Kunst am ehesten aussprechen, wohin sich nach unsrem Wiedereintritt in das Schwellenland der Schwerpunkt unseres Wesens neigt Schon aus äußeren Gründen wird gerade unser künstlerisches Schaffen am frühesten zu einer Entscheidung führen. Auf allen Gebieten der Verstandestätigkeit ist Europa die Jahrhunderte unsrer europäischen Wanderung hindurch immer fruchtbarer geworden, während der Orient — bis auf seine großen Episoden — auf allen diesen Gebieten immer steriler wurde. Nur in der Kunst hat die orientalische Seele sich Jahrhunderte lang neben der europäischen weiter entfaltet und ist — auch nachdem die gewaltigsten Schaffenskräfte erlahmt waren — niemals zu vollständiger Unfruchtbarkeit herabgesunken. Die Kunst blieb dem Orientalen als Ausdrucksmittel für das vorbehalten, was ihn Jahrhunderte der äußeren Untätigkeit hindurch in innerer Bewegung hielt: sein enges Verhältnis zum Unzeitlichen und Unräumlichen. Nur in der Kunst werden wir daher in den Stunden unsrer Entscheidung am Baume der Kultur einen orientalischen und einen okzidentalen Zweig vorfinden, die bei aller Verschiedenheit doch an Fruchtbarkeit und Wert einander ebenbürtig sind. Diese Ebenbürtigkeit zu erkennen, mag freilich nur einem Betrachter gelingen, der selbst auf der Grenze zwischen orientalischem Schauen und okzidentalischem Sehen steht In diesen Worten: „schauen" und „sehen" spricht sich der tiefe Gegensatz zwischen den beiden Kunstwelten aus. Dem eng an die Materie gebundenen Abendländer, der erst auf einer hohen Stufe der Kultur den Stoff „beseelt", wird die ungeheure Mannigfaltigkeit der *) Eine deutsche Übersetzung ist im Verlag Der neue Geist zu Leipzig erschienen.