Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 367 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Helene Hanna Cohn: Unser Weg zur Kunst 367 Hause. Die Kinder wissen es schon, daß, wenn der Vater oder die Mutter von einer „Seudat Milah" nach Hause kommen, sie Reschity mitbringen. Viele Mütter pflegen ihrem Kinde, nachdem man es von der Beschneidung zurückgebracht, das dritte Buch Mosis (Leviticus), den Teil der Torah, der von der Opferlehre handelt, in die Wiege, unter das Kopfkissen zu legen. Dem jungen Juden soll schon am achten Tage seines Lebens die Torah und das Opfern nahe liegen. Am ersten Sabbat, nachdem die Wöchnerin das Bett verlassen hat, geht sie zum Morgengottesdienst in die Synagoge, um den Wochenabschnitt aus der Torah vorlesen, oder wie es im Osten heißt „leinen" zu hören. Mit dem Moment, in dem sie aus der Torah lesen hört, bedarf sie des, seit ihrer Niederkunft ihr angediehenen besonderen Schutzes nicht mehr. Baden bei Wien Samuel Rappaport m uns ganz klar zu sein über die unvergleichliche Problematik unsrer zukünftigen Entwicklung, "müssen wir uns immer wieder dieses zurückrufen: wir gehen in ein Land, das auf der Schwelle zwischen Orient und Okzident liegt, und gehen in einem Augenblick, da Orient und Okzident sich anschicken, in einen Entscheidungskampf einzutreten. Wenn es angängig ist, den tiefsten Wesensgegensatz von Orient und Okzident in einer einfachen Formel auszusprechen, so mag die folgende zur Bestimmung dieses Gegensatzes dienen: Der Okzident sieht die Erscheinungen des Daseins und strebt, durch volles Erfassen dieser Erscheinungen zur Erkenntnis des Lebenssinnes zu gelangen. Dem Orient ist die Ahnung vom Sinn des Lebens eingeboren, und sein Trachten geht dahin, sich in seiner Erkenntnis durch die Erscheinungen des Daseins nicht beirren zu lassen. Die Eigenart des Okzidents bindet diesen eng an die Wirklichkeit und wird ihn immer wieder geneigt machen, sein Ideal nach dieser Wirklichkeit zu formen. Die Eigenart des Orients entfernt ihn von der Wirklichkeit und wird ihn immer wieder treiben, den Sieg des Ideals über diese Wirklichkeit anzustreben. Die Gefahr der okzidentalen Seele liegt in ihrer Erstarrung im Materialismus, die der orientalischen Seele in ihrem Zerfließen im Phantasmus. Begegnen können sich beide nur in dem Streben nach Verschmelzung von Ideal und Wirklichkeit. Wir Heutigen haben die Steigerung und immer weitere Steigerung des europäischen Materialismus miterlebt, haben mitangesehen, wie er in seiner Übersteigerung Europas Völker vom Boden der zur Selbsterhaltung erforderlichen Vernunft losriß. Aber nun, da wir einem Europa gegenüberstehen, in dem die Situation weiter Menschenkreise den vollkommenen Sieg des Materialismus zu bezeichnen scheint, sehen wir, wie anderen europäischen Menschenkreisen aus der Überspannung des Materialismus die Besinnung auf das Ideal erblühen will. Von Osten nach Westen sich fortpflanzend (bezeichnenderweise!) sehen wir eine Bewegung durch Europa gehen, auf deren Grunde unter Schlacken europäischen Irrwahns eine orientalische Hingabe an das Ideal liegt, ein orientalisches Streben nach Versöhnung zwischen Ideal und Wirklichkeit. - UNSER WEG ZUR KUNST