Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Arbeiterliteratur in Palästina
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 327 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101150-3101157-3104600--3436-3104652- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Niger 1× ep/1824046
OCR text
Arbeiterliteratur in Palästina 327 Epoche zu sein scheinen*). Sie kommen aus einem Kreise, welcher nicht allzuviele Berührungspunkte mit den Zentren der bisherigen Literatur hat, — aus dem Kreise der palästinensischen Arbeiter: — „Mit dem Aufsprießen der jüdischen Arbeit entstand für die hebräische Literatur auch ein neuer Kreis von Lesern. Für den jüdischen Arbeiter . . . wurde die hebräische Sprache der wichtigste Schlüssel — und oft der einzige — zu den Quellen der Bildung des Gedankens und der Dichtung. Der Arbeiter, der auf dem heimatlichen Boden ein menschliches Leben, ein Wirkungsfeld, nationale Freiheit und Arbeit ohne Sklaverei sucht, hängt an der hebräischen Literatur und sucht in ihr eine Hilfe für sein Leben, Befriedigung seiner Seelensbedürfnisse, Verbindung mit der Welt." (Aus dem Prospekt des Arbeiterverlags Achduth haawoda.) Es ist noch keine Dichtung, sondern Publizistik, was in den Büchern der Arbeiter dargeboten wird, aber neue Bestrebungen ringen hier auch literarisch nach Ausdruck, der neue Wille wird geboren, welcher der Kristallisationspunkt eines neuen Stils werden kann. In dem Sammelbuch „Baawoda" (In der Arbeit), das Ende 1918 von der Organisation der landwirtschaftlichen Arbeiter als „Heft der Freunde*' herausgegeben wurde, spricht Rahel Katzenelsohn ganz neue Worte über die Bedeutung, welche das Hebräische für die Arbeiterschaft gewonnen hat. Den Aufsatz sollten alle die lesen, die von dem amerikanischen Gefasel über die reaktionäre Rolle des Hebräischen angesteckt sind. Rahel Katzenelsohn erzählt von der Begeisterung für das Jiddische, welche die Jugend vor 15 Jahren ergriff. Die es nicht konnten, lernten es. Begeisterung für das Jiddische und für das Hebräische gingen Hand in Hand. Beide Sprachen waren in all ihrer Armut Heimat und Erdreich. In Palästina änderte sich das Verhältnis. Man empfand das Jiddische als fremde Sprache, die man beherrschte, von der man aber nicht beherrscht war. Welches war die Ursache dieser Wendung? Zunächst der Inhalt dessen, was in den beiden Sprachen geschaffen wurde. Im Jiddischen herrschte ein enger, erstickender Geist; es fehlten Horizonte. Gerade die Idylle wurde jiddisch und das Revolutionäre hebräisch geschrieben. Brenner, Schofmann, Gnessin schrieben hebräisch, Unojchi, Niger, Einhorn jiddisch. Die jiddische Literatur hatte etwas Weibliches; Zartheit, Trauer, resignierter Humor, Volkstümlichkeit, eine leichte Erotik, aber der jiddische Schriftsteller kann unser Volk nicht begreifen, wie die Mutter ihr Kind nicht begreifen kann. Darum fehlen ihm klare Gedanken und ein klarer, fester Wille zur Umgestaltung. Der Träger des revolutionären Willens wurde nicht die lebende, sondern die tote Sprache. Der hebräische Schriftsteller ist freier, sicherer, hat das Bewußtsein, einen ewigen Faden fortzuspinnen. Ein so pessimistisches, verzweifeltes Buch wie „Mikaan Umikaan" von Brenner wurde zu einer Quelle der Kraft. Der Leser merkte: wenn ein Schaffender so schonungslos mit uns verfahren kann, so beweist das, daß wir leben. Ich habe meinen Bericht mit einer kurzen Wiedergabe dieses Aufsatzes begonnen, weil ich im Leser das Gefühl erwecken möchte, wie sehr die Berührung mit der Erde in den jüdischen Arbeitern den Schöpferwillen wachgerufen hat. Dies erstreckt sich bis in die Beziehung zum Wort. Da ist in der Zeitschrift »Michtabh hachawerim" ein Artikel von Feller, der den Einfluß der Arbeitsform *) Eine ziemlich vollständige Bibliographie der palästinensischen Literatur seit Kriegsbeginn wurde vom Kulturdepartement der Zionistischen Organisation im „Zionist Bulletin" hebräisch und englisch veröffentlicht.