Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 306 (sequence 1)
- Language
- German
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3o6 Samuel Rappaport: AUS DEM RELIGIÖSEN LEBEN DER OSTJUDEN V. Geburt 4. Namen. Eine der wichtigsten Fragen, die die Eltern beschäftigt, ist der Name, den das neugeborene Kind bekommen soll. Der Name spielt seit altersher beim Juden überhaupt keine geringe Rolle, beim Ostjuden jedoch ist er überdies von besonders mannigfacher Bedeutung. Schon in der Bibel und ganz besonders im Pentateuch hat jeder bedeutendere Name seinen eigenen Inhalt. An fast jeden Namen knüpft sich ein allgemeines, nationales, oder ein bloß familiär-individuelles Ereignis. Jed*r Name erzählt ein Stück Geschichte oder Familienchronik. Schon der Name an sich enthält Geschehnisse, die der Nachwelt erhalten werden sollen. Diese Namen tragen deswegen einen rein individuellen Charakter. Jeder Namen war ausschließlich an seinen Träger gebunden. Durch viele Jahrhunderte wagte man es nicht im alten Palästina, den Namen eines Patriarchen oder eines sonstigen Heros aus der biblischen Zeit einem Kinde zu geben. Aus unbegrenzter Ehrfurcht und heiliger Scheu vermied man es, diese Namen fortzupflanzen. Namen wie z. B. Abraham, Isaak, Jakob, Moses, Ahron usw. enthielten ausschließlich die Vorstellung jener Persönlichkeiten, die wir unter dieser Benennung in der Bibel verehren gelernt haben*). Während des ersten Tempels waren die jüdischen Namen rein hebräisch zumeist irgend ein Verhältnis zu Gott, durch ein Prä- oder Suffix „Jah" oder „El", besagend. Erst nach dem babylonischen Exil, zur Zeit des zweiten Tempels, begannen persische, aramäische und später auch griechische Namen in Palästina Eingang zu finden. Die Namen Alexander, Kalonymos und Teodoros (vulgär Sender, Kaiman, Todros) sind noch bis heute unter den Juden heimisch und sogar als „heilige", traditionelle Namen anerkannt. Während man früher den fremden Namen vom national-religiösen Standpunkte keine besondere negative Bedeutung zuzuschreiben schien, da doch selbst einwandfrei fromme und treue Juden griechische Namen trugen, begann, mit der Überhandnähme des Hellenismus und seiner verderblichen Folgen in Palästina, der griechische Name das Symbol der Assimilation und des Abfalls zu werden. Der Kampf der *) Durch dieses Moment allein ist, wie ich meine, die merkwürdige Erscheinung zu erklären, daß im alten Palästina, bis etwa zum zweiten Jahrhundert v. Chr., Namen aus dem Pentateuch und sonstigen heiligen Schriften überhaupt nicht fortgepflanzt wurden. Die Ansicht Zunzs („Namen der Juden" in dessen „Gesammelten Schriften" Bd. II Seite 4), daß im alten Palästina „nichts weniger als ein ängstliches Auflesen von Namen aus Gesetz und Propheten, kaum ein Festhalten an altertümlichen Namen vorhanden war", scheint mir nicht zutreffend. Bei aller Hochachtung vor dem Genie und den unsterblichen Verdiensten Zunzs um die jüdische Wissenschaft darf doch nicht außer acht gelassen werden, daß sein „Namen der Juden" (ebenso wie seine „Gottesdienstlichen Vorträge") in der Anlage eigentlich eine Tendenzschrift war, die das Recht der Juden, nichtjüdische moderne Namen tragen zu dürfen, historisch begründen .wollte. Nur von diesem Gesichtspunkte aus scheint mir die oben erwähnte Ansicht Zunzs erklärlich. Zunzs „Namen der Juden" ist bis heute die einzige und gediegenste Arbeit auf diesem Gebiete, doch bedarf sie so mancher Ergänzung und ganz besonders bezüglich der Namen der Juden im slavischen Osten, die in dieser so ausgezeichneten und verdienstvollen Schrift leider gar keine oder nur sehr geringe Beachtung gefunden haben.