Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Das hebräische Buch und die deutschen Zionisten
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 287 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3101111-3101150-3101156-3104532--3387-3104589- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
BEMERKUNGEN Das hebräische Buch und die deutschen Zionisten Zwischen der hebräischen Literatur der Gegenwart und dem Bewußtsein der geistig führenden Menschen in der Judenheit Mitteleuropas klafft ein tiefer Abgrund. Die zionistische Generation Deutschlands und des früheren Österreich hat, da ihr das Judentum nichts weniger als Selbstverständlichkeit, vielmehr nach allen Seiten hin ein Problem war, mit dem sie sich auseinandersetzen mußte, in ihr Judentum alle Tiefen ihrer Seele und alle Höhen ihres menschlichen Strebens hineingetragen. Mit Freude können wir es sagen: Der Zionismus in Mitteleuropa ist befruchtet von den besten geistigen Bewegungen unserer Zeit und Umgebung, und Menschen, wie sie heute das Judentum in keiner Sprachzone geistiger hat, haben alle Sehnsucht ihres Herzens an ihn gehängt, und erwarten vom Zionismus nicht so sehr die Lösung eines nationalen, als die Lösung all ihrer menschlichen Probleme. In keinem Lande der Welt hat heute der Zionismus diese Wendung zur allumfassenden Weltanschauung genommen. Dem gegenüber die hebräische Literatur der Gegenwart: so gut wie problemlos im geistigen Sinne; alle Energie scheint darauf verwendet, die sprachliche Form zu bilden. Eine neue sprachliche Form kann dort erschütternd wirken, denn sie befreit die Seele, gibt ihrem stummen Ringen mit einer heutigem Denken noch fremden Sprache Wort und Befreiung. In deutscher Sprache singen Dichter schon vom Fluche des Wortes. Hier stellt sich schon das Wort zwischen Seele und Wirklichkeit. Im Hebräischen erfahren die Dichter erst des Wortes Segen, das ihnen Brücke wird zwischen Seele und Welt. Wie werden diese Zionisten, die in deutscher Kultur die letzten Feinheiten der Problematik in sich durchlebten, zur Einfachheit der heutigen hebräischen Literatur zurückkehren können? Glücklich ahnungslose junge Zionisten, die, bei der ersten hebräischen Lektion haltend (oder noch nicht dort?), keine Ahnung haben von diesem Abgrund, über den sie werden gehen müssen. Gewiß, es ist heute schon leichter, in der hebräischen Literatur zu leben. Eine umfassende Übersetzungstätigkeit, die seit einem Jahre, vor allem durch Stybels Initiative angeregt, eingesetzt hat, schenkt eben die Weltliteratur langsam dem hebräischen Leser. Dennoch, wie werdet ihr deutsche Zionisten in der Literatur leben können, deren letztes Ereignis die Übersetzung eines Gesanges der „Uias" oder von „Hermann und Dorothea" ist? Und von der ein so berufener Kenner wie Mordechai ben Hillel Hakohen kürzlich sagte: „Wir sprechen hebräisch, weil dies unsere nationale Pflicht ist, aber nicht in freier und organischer Art. Wir haben wissentlich das Joch der nationalen Sprache auf uns genommen, aber manche von uns sind bereit, dieses Joch abzuschütteln, wenn sie seinen Druck allzusehr empfinden werden ..." Warum ich von diesem Abgrunde spreche, den ich vielleicht besser — hebräische Propaganda! — verschweigen sollte, bis ihr ihn an euch selbst erlebt? Bis ihr selbst die Schwierigkeit erlebt, den einfachsten Gedanken eures allzu kompliziert gewordenen Denkens! in der Sprache eures Volkes auszudrücken? Weil ich zeigen will, welchen Segen eine radikale und gründliche Hebraisierung des deutschen Judentums der hebräischen Kultur zu bringen vermöchte. Der deutsche Jude hat, da ihm die Stützen der lebendigen Tradition und der jüdischen Umgebung fehlten, das geistige Wesen des Judentums suchen gelernt. Er tat es mit lächerlichen, unzulänglichen Mitteln aus dritter und vierter Hand, immerhin, er suchte. Wird er hebräisch sprechen, so wird ihm das Wort, das sprachliche Kleid allein, nicht genügen. Er wird das Wesen suchen. Er wird für den zierlichen, aber innerlich unwesentlichen Reichtum moderner hebräischer Lyrik den