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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 6 · p. 286

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 6
Article
Ein mittelalterliches Klagelied
Date
1919-01-01
Page
286 (sequence 4)
Language
German
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286 Martin Buber: Die schwere Buße und erhöhe deine Armen. Du schmückst dich noch mit purpurnem Schmuck, und Pauken nimmst du, gehest hin im Reigen: so jubele in deinen Reigen, Erhoben ist mein Herz, wenn der Fels dir leuchtet und deiner Dunkelheit erglänzt: so strahlen deine Finsternisse. Bern Gerhard Scholem DIE SCHWERE BUSSE Einem, der den Sabbat unwissentlich entweiht hatte, weil sein Wagen gestürzt war und er, wiewohl in gewaltsamem Laufschritt, die Stadt nicht vor dem Anbruch der heiligen Frist erreichte, verhängte der junge Rabbi Michel, der nachmalige „Zloczower", eine harte und lange Kasteiung als Buße. Der Mann hielt sich mit aller Kraft dazu, das Vorgeschriebene zu erfüllen, merkte aber bald, daß sein Leib nicht standhielt sondern zu kränkeln und nun auch das Gemüt zu schwächen begann. Da erfuhr er, daß der Baalschem durch die Gegend reise und sich in einem nahen Ort aufhalte; er ging hin, faßte sich ein Herz und bat den Meister, ihm für die Sünde, die er begangen habe, eine Lösung aufzuerlegen. „Trag ein Pfund Kerzen ins Bethaus", sagte der Baalschem, „und laß sie zum Sabbat anzünden. Das ist deine Lösung.'* Jener meinte, sein Bericht habe nur halbes Gehör gefunden, und wiederholte sein Anliegen auf das eindringlichste. Als der Baalschem aber auf dem unbegreiflich milden Urteil beharrte, erzählte ihm der Mann, welche schwere Buße über ihn verhängt worden war. „Tu nur, was ich dir sagte," antwortete der Meister, „dem Rabbi Michel aber überbringe, er möge in die Stadt Chwostow kommen, wo ich den nächsten Sabbat halten will." Aufgehellten Angesichts nahm der Bittsteller Abschied. Dernbach Chwostow fahrenden Rabbi brach unterwegs ein Wagenrad, und er mußte zu Fuß weiter. So sehr er sich beeilte, es dunkelte schon, als er die Stadt betrat, und als er die Schwelle des Baalschem überschritt, sah er ihn die Hand am Becher stehen, um den Segen über den Wein zum Eingeleit des Ruhetags zu sprechen. Der Meister unterbrach die Handlung und redete den Bestürzten an: „Gut Sabbat, Sündloser! Hattest das Leid des Sünders nicht geschmeckt, trugst niemals sein gebrochnes Herz in dir — so war deine Hand leicht, Buße auszuteilen. Koste den sühnenden Schmerz! Gut Sabbat, Sündiger!" Martin Buber

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