Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Randbemerkungen
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 241 (sequence 1)
- Language
- German
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RANDBEMERKUNGEN i. Ehemals, wenn die Führer der Judenheit vor die Machthaber traten und um Aufhebung oder Milderung der verhängten Geseroth ansuchten, taten sie es in dem Bewußtsein, daß sie es um der bittern Not willen tun mußten. Wehmut und Unwille füllten ihre Seelen. Sie maßen den Fürbitten nicht allzu großes Gewicht bei, vielmehr beteten sie vorher und nachher zu Gott, und nur weil man sich nach dem Ausspruch des Talmuds nicht auf Gottes Wunder verlassen darf, gingen sie zur zuständigen Stelle und suchten um Gnade an. Wurde ihre Bitte erhört, so triumphierten sie nicht, ja sie schämten sich, sie empfanden es als Erniedrigung, daß das jüdische Volk sich vor den Tyrannen der Völker beugen mußte. Heutzutage treten wieder Repräsentanten der Judenheit vor die Welteroberer, während diese ihre Beute untereinander verteilen, bringen unsere Anliegen vor und — prahlen befriedigt mit Sieg und Erfolg. In ihrem Gebaren ist keine Spur von Verlegenheit zu finden. Ich beanstande ihre Fürbitte nicht, vermisse aber den Mollton in ihren Berichten und Kundgebungen. Ehemals, wenn die Führer unserer Gemeinschaftdie Herrscher um Gnade ansuchten, verachteten sie sie im Innern, glaubten nicht an einen Bestand ihrer Macht, der Macht des Bösen, sahen in ihnen eine Augenblicksgewalt. Standhaft und treu vertrauten sie auf den Endsieg des Guten, den Zusammenbruch des Übels und das Kommen des Erlösers. Heutzutage verknüpfen sie unsere Zukunft mit dem Siege des Imperialismus, an dessen Dauerbestand sie zuversichtlich glauben. Ehemals schlössen wir mit den Machthabern keine Bündnisse und keine Freundschaften, sondern flehten sie an, wie der Gefolterte seine Peiniger, wie der Gefangene seinen Feind. Heutzutage haben wir es so weit gebracht, daß man uns an den Tisch lädt, an dem die Beute verteilt wird, zur Schändung der Weltgeschichte. II. Wie verstockt ist unser Herz geworden, wie abgestumpft unser jüdisches Empfinden! Als die große Reklame für Gerechtigkeit ins Werk gesetzt wurde, fand sie begreiflicherweise Gläubige unter den Völkern, war es doch für sie etwas Neues, hatten sie doch noch keinen Prüfstein, um die Echtheit der Sache zu erproben. Das jüdische Volk aber, der Vater dieses Gedankens, das um seinetwillen jahrhundertelang gemartert wurde, wie fühlte es nicht den falschen Ton dieser Reklame heraus, wie unterschied es nicht zwischen seiner eigenen Prägung, der echten Prägung seiner Propheten und Meister, und der Kriegsmünze der anderen? Warum erhob es sich nicht, um die Falschmünzer zu entlarven, um sie Lügen zu strafen? Was ist uns denn sonst im Galuth übrig geblieben, wenn nicht der Rechtsgedanke? Da kamen sie, nahmen uns unseren Stempel und tischten ihn — wir aber merkten es gar nicht. Ja, wir halfen noch den Heuchlern ^nd Scheinheiligen, ihre eigenen und die g&gnerischen Völker irrezuführen. Heft 6. 16