Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Mesusoth
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 235 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Mesusoth 235 handelt. Man kauft. Einen Sidur? Gewiß. Ein Sidur ist nie verloren. Man handelt. Man kauft. „Zizzes?" Die Jungen strapazieren ihre Arba-kanfoth zwar nicht, aber immerhin. .. Man handelt. Man kauft. Sonst wäre wohl für dieses Jahr nichts. Aber Mesusoth? Schöne, neue, die sehr praktisch sind. Man kann das flache Blech von der Unterlage einfach abschieben und die Inschrift liegt frei. Auch die weißen, runden sind sehr schön. Eigentlich noch schöner als die gelben aus Messingblech. Mesusoth? Nun ja — der Vater sieht uns streng an — Mesusoth sollen nie in einem Hause fehlen. Besser eine zu viel als eine zuwenig. Was kosten die? Die flachen 1 Mk. und die weißen 2 Mk. das Stück. Nehmen Sie diese vier, dann gebe ich sie Ihnen für 5 Mk. Man kauft. Jischarkoach. Geld klingt. Der stählerne Bügel der großen Ledertasche schließt sich. Die Herrlichkeit versinkt. Bleiben Sie gesund. Bis übers Jahr! Die Mesusoth werden in den Schrank gelegt. Die Nägel dazu, sorgfältig in ein Papier gewickelt, daneben. Mesusoth sollen nie in einem Hause fehlen. Wir lassen weiter Zeit vergehen. Bis zu der Zeit, da wir uns selber ein Haus bauen. Ein jüdisches Haus. Wie das klingt! Wie das durchsetzt ist mit Freude und Zwiespältigkeit. Ein jüdisches Haus? Im Galuth? Wir sagen „Ja" zum Galuth, weil wir glauben, daß wir es anfüllen können mit jüdischem Geist, bis alles sich erfüllt hat. Und es werden einmal Kinder sein. Kinder im jüdischen Hause. Und es wird ein Tag sein, da sie fragen: Warum ist das ein jüdisches Haus? Und wir werden auf die Mesusoth deuten: pppmn hy\ nniDH wby unn mrrp mph Doch nein, werden wir das wirklich tun? Werden wir den Mut haben, auf diese kleinen Dinger zu weisen, die wir uns in Vorrat kaufen, wie wir uns Seife und Schnürsenkel im Vorrat kaufen, die wir sachlich und auswählend nach Güte und Zweckmäßigkeit erstehen wie jede Handelsware? Und werden wir dabei den Mut haben, Worte der Thora in den Mund zu nehmen und von der großen Sichtbarmachung unserer Häuser zu sprechen, da Blut vergossen wurde um unserer Befreiung willen? Und wir sollten nicht um den Vorwurf der Lieblosigkeit fürchten, der Gedankenlosigkeit, daß wir die Treue unseres Gedenkens so ausdrücken, so nüchtern, so schal? Als wir früher fragten, bekamen wir keine Antwort. Wenn einmal unsere Kinder fragen werden und es wird ihnen nicht Antwort sein, dann werden sie nicht mehr fragen. Und dann haben wir uns nur getäuscht, wenn wir glaubten, wir könnten dem Leben im Galuth auch Schönheit der Form verleihen und dem jüdischen Hause Schönheit im Ausdruck. Es gibt keinen jüdischen Silberschmied in unserer Stadt. Aber auch der christliche hat Verständnis, wenn man ihm auseinandersetzt, was Mesusoth sind und wohin sie gehören, was ihr Inhalt und ihre äußere Form sein soll. Er hört aufmerksam zu. Er begreift, wie breit und lang die silberne Grundplatte sein soll. Wie hoch und stark die Wölbung der silbernen Röhre, wie weit der Ausschnitt, der das sichtbare Wort freilegt. Er begreift die Form des Davidschildes, der unten, entsprechend dem oberen Ausschnitt sein soll. Er verfolgt aufmerksam in der Zeichnung, wie die Rosen sich vom Davidstern in klarer Kette aufwärts strecken und den oberen Ausschnitt und das lesbare Wort einschlingen. Und nach wenigen Tagen halte ich meine Mesusa in der Hand. Jetzt haftet sie an dem Türpfosten meines Hauses. Außen, an der Eingangstüre. Eine nur, nur diese eine einzige ist im Hause. Sie spricht für das ganze Haus und für jeden einzelnen Raum darin. Sei Jude auf der Straße und Jude in deinen Zelten. Bremen Josef Kastein