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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 5 · p. 234

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 5
Article
Mesusoth
Date
1919-01-01
Page
234 (sequence 2)
Language
German
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234 Josef Kastein: sichtbares Symbol zu schaffen, um auch von außen an den Geist der Gemeinschaft gemahnt zu sein. •■pj«ai Iprü rvmiD by üTöro) -Friedsamer ist das Zeichen geworden, geistiger, dem Geschehen entrückt, nicht mehr abgestellt auf die Wucht äußeren Erlebens, sondern anheimgegeben dem persönlichen Drang, Treue zu halten und sie zu versichern durch äußeres Zeichen. Besteht ein sachlicher Zusammenhang zwischen der Blutzeichnung und dem Verlangen der Aufschrift? Hat der, der die Aufschrift forderte, an die große Sichtbarmachung aus der Nacht des Exodus gedacht? Es ist gleich, sofern nur unsere Vorstellung diesen Weg macht, denn wir wollen irgend einem Geschehen von gestern die Hand reichen, um ein Symbol von heute zu lieben. Weiter noch wendet sich die Zeit vom schöpferischen Geschehen. Es wird nicht mehr auferbaut in großen Handlungen, es heißt nicht mehr „Werden", es heißt nur noch „Bleiben". Arterhaltung, Artabsonderung, Treue an das Gestern, Abwehr gegen das Heute des Exils und Vorsorge für ein gefährdetes Morgen. Das pDBHTNnp, das Bekenntnis der Gottzugehörigkeit, wird als der tatsächliche Inhalt bestimmt, der in dem Zeichen an den Pfosten, in den Mesusoth, enthalten sein soll. Und wie alle Form verkleinert wird, wenn sie auf sich selbst gestellt ist, so hat sich auch um die Vorschrift der Mesusoth der einengende und auslegende Geist der Zeit bemüht. In festumrissener und unwandelbarer Vorschrift steht dieses Zeichen eines Tages da. Es kommt in unseren jüdischen Alltag hinüber. Wir sehen es beim Eingang und beim Ausgang an den Pfosten aller unserer Türen und Tore. Wir leben weiter, oft näher dem jüdischen Wollen, oft ferner. Wir haben für die Zeit zu leben und für die Vergangenheit und für die Zukunft. Und unsere Symbole? Wir lassen weiter Zeit vergehen. Bis zu der Zeit, da wir noch Kinder waren. An jeder Türe in unserem Hause fanden wir die Mesusoth. Wir wußten bald, was sie bedeutete. Aber wir erlebten auch bald hier und da, wenn etwa ein Fremder oder ein neues Dienstmädchen nach der Bedeutung dieses eigenartigen Gegenstandes fragten, daß die Verlegenheit hoch aufwuchs unter denen, für die Gesetzestreue Pietät heißt. Wir hörten seltsame Antworten: Das ist so an jüdischen Häusern; das ist ein altes jüdisches Zeichen; das ist immer hier am Hause gewesen; das ist ein alter Klingelkontakt . . . und auch wir schämten uns. „Sei Jude im Hause und Mensch auf der Straße." Das nannte man Liberalität. Oder Humanität. Wir verstanden beides nicht. Und wir schämten uns. Und dann kam eines Tages ein kleiner, schwarzgekleideter Mann, mit langem Mantel und einer großen Ledertasche. Wir wußten bald, daß er jedes Jahr kam, jedes Jahr so ziemlich um die gleiche Zeit, wenn ihn seine Geschäftsreise durch Deutschland in unsere Gegend führte. Es war ein spannender Augenblick, wenn er seine Tasche öffnete. Er stellte sie auf den Tisch — wir sehen noch den Griff seiner runzligen Hände — und schlug die Seitenklappen zurück. Und da lag der Inhalt: kleine Sidurim, Machsorim, bunt durchflochtene Kerzen für „Awdole ausmachen", kleine Tellerchen und Becher für Kiddusch, „Zizzes", Tefillim, Techinahbücher, Schnürsenkel (weiß Gott, Schnürsenkel) und dann eine ganze Reihe von kleinen Hülsen in gelbem Blech oder in weißem Zelluloid. Die ersteren flach, die letzteren rund. Das waren die Mesusoth. Und dann begann die Auswahl. Ein kleiner Kidduschbecher aus gelbem Glas, mit hebräischem Aufdruck und Eichenlaubverzierung, alles erhaben in Gold. (Er steht noch heute bei mir im Schrank.) Er war entzückend schön. Man

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