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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 4 · p. 192

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 4
Article
Zu Uriel Birnbaums Schöpfungsmotiven
Date
1919-01-01
Page
192 (sequence 2)
Language
German
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192 Bemerkungen 'erst gewordenen, ganz farbeberaubten, schwarzen Abgrund, seinem Schicksal entgegengeht. Die agadistische Symbolik läßt die Welt mach der Thorah erschaffen sein, die als zweites Bild allen anderen Schöpfungen vorangeht. Und zu den „vorweltlichen" Schöpfungen gehören nach dem in Purpur gehaltenen „Thron Gottes" auch die drei Patriarchenköpfe, in noch geisthafter Unbestimmtheit, das Volk Israel, der salomonische Tempel, der Messias. Auch die Buße in der Gestalt der Gegensphären, die von der Erde dem Himmel entgegensteigen. Aber einer Symbolik, die am Sicht- und Denkbaren keine Stütze mehr hat, entsprechen die Erschaffung von Zeit und Licht, die, allzu kühn gewollt, doch nicht die innere Überzeugungskraft der anderen Bilder an sich tragen. Wenn man zuerst den Zyklus „Schöpfung" betrachtet hat, wird man schwer davon loskommen, auch die anderen Bilder unter dem gleichen Aspekt zu sehen, was übrigens der bewußt-religiösen Tendenz des Künstlers entsprechen mag. Manches scheint sich in Motiv und Ausdruck unmittelbar dem Schöpfungszyklus anzuschließen, wie etwa das „Posaunen- Blasen" (Engel und Posaune bilden gleichsam ein einziges Wesen, wie beim Engel mit dem flammenden Schwerte auch Flügel und Schwert ein Ganzes bilden) oder die Bilder .„Gottes Gericht" und „Gottes Zorn", wo die göttliche Schöpfungskraft gewissermaßen in ihre Gegenseite umschlägt: in Urzorn und Urstrafe, erweckt durch eine verlotterte, sündenverfallene Menschheit. So wird denn auch die Krisis dieser Kultursünde, der Krieg zu „Gottes Krieg". Und hier wird wieder, wie in dem Zyklus „Der Wurm" ganz der Mensch Problem, in seiner Gottverlorenheitund seinem <rottsuchen. Durch alle Gräßlichkeiten des Kriegsschicksals, die Birnbaum um so greller malt, als er sie noch ins Seelische verdichtet, durch alle Verrenkungen und Verzerrungen der Menschengestalt, welche ebenfalls durch Symbolisierung noch gesteigert wurden, durch das intensivste Erleben des physischen Untergangs, der, künstlerisch gewendet, sich oft als bewußte Verhäßlichung ausnimmt, wieder ein Auf ringen in Bildern wie zum Beispiel der „Auferstehung des Geistes", wo in geringsten Mitteln ein kindisches Staunen sich ausdrückt, daß es noch einen Weg zu Gott gibt, und die schwer errungenen Gestaltungen der Versöhnung und apokalyptisch anmutenden Visionen der Läuterung. Und mitten zwischen den an Barbusse erinnernden Schreckgesichten fortlebend jene geheimnisvollen Zusammenhänge, welche in seltsamen Farbenkurven und rein mystischen Visionen von Unendlichkeitsperspektive Erde und Urquell verbinden. In gewisser Beziehung ähnliche Motive, nur ins Orientalisch-Historische gewendet, klingen in einigen der Zeichnungen zum Buche Daniel an, namentlich — und das erscheint sogar als Widerspruch, da es sich hier um irdische Machtverkörperung handelt — in den „Zeichendeutern vor Nebukadnezar", die allein durch die Vermählung von Dimension und magisch-starker Farbe so merkwürdig anmuten. (Vielleicht ist übrigens der Widerspruch lösbar durch die Vorstellung einer noch unmittelbareren Sichtbarkeit der göttlichen Majestät in den Erscheinungen einer ans Wunder grenzenden Historie). Wieder einmal kann man an diesen Bilderzyklen erleben, wie die zentrale Orientierung des Religiösen, in wie kindlich-fanatischer Weise sie auch der Künstler selbst persönlich vertritt, doch solche Kräfte weckt, welche sogar jenen äußersten Gegensatz überbrücken: von der brutalsten und schreiendsten Verzerrung des Menschlichen, die der Künstler am eigenen Leibe erlebt hat, bis zu jener stillsten und mächtigsten Gegenwärtigkeit des Geistes, deren Erlebnisspuren der Zyklus der „Schöpfung" an sich trägt. Ernst Müller Für die Redaktion verantwortlich: Siegfried Lehmann, Frankfurt a. M., Grüneburgweg 101. — Für Österreich-Ungarn: :Dr. M. Präger, Wien I, Rotenturmstraße 32. — Verlag von R. Löwit Berlin und Wien. — Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig-

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