Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zu Uriel Birnbaums Schöpfungsmotiven
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 191 (sequence 1)
- Language
- German
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BEMERKUNGEN Zu Uriel Birnbaums Schöpfungsmotiven Man muß schon recht weit von der Straße sich entfernen, vom Getriebe draußen und dem, was man da oft Fortschritt, Stil, Kunst nennen hört, um wieder einmal Festliches in sich aufnehmen zu können. So nur mag man des ganz jungen Künstlers merkwürdige vierunddreißig Bilder rechtauf sich wirken lassen, die als „Schöpfung** neben Birnbaums anderen Bilderzyklen und doch von diesen sich abhebend, eben in der „Wiener Zeitkunst** zu sehen waren. Ausdrücke wie „gemalte Mystik" oder „religiöser Expressionismus** lägen nahe, würden aber zum Schlagwort erniedrigen, was in der Kraft ungeteilt wirkender Augenblicke, in der Magie seltsamen Ausdrucks, in der Wärme einer wunderbar stillen Bildersprache sich doch über jedes Schlagwort erhebt. Vielleicht möchte hier das Zeugnis schlichter Beschreibung immer noch das adäquateste sein. Da geht es als Grundmotiv durch alle Bilder, dieses Licht, das Sonne, aber noch jenseits unserer Sonne ist, mehr in sich erst vibrierend als nach außen strahlend, gleichsam aus der Unsichtbarkeit bis zur vollen Sichtbarkeit der geschaffenen Welt erquellend. Am urtümlichsten in dem sehr matt gehaltenen „Vor der Schöpfung**, im Schillern der Erwartung in dem Bilde „Gottes Geist über den Wassern**, in hellster Freudeklarheit in dem: „Gott sieht, es sei sehr gut*'. Aber der eine Schöpfungsakt ist wieder vielfach in der Entfaltung: er wird, ins Äußere entwickelt: Strahlung, Teilung, Befruchtung, Wesenserschaffung. Der Strahl löst sich vom Lichtwesen nicht in der traditionellen, peripherischen Allseitigkeit, sondern nur in der einen Richtung des Werdens. Hier scheidet sich Linie von Kugel, Zeit und Raum vom Urwesen. An der Vervielfachung merkt man erst, daß die Sonne der ersten Bilder nicht als Sonne gemeint ist, denn Sonne und Mond bilden mit ihr drei leuchtende Gebilde. In einigen der Bilder fühlt man etwas von einer letzten Urmacht, die Einheit in Vielheit verwandelt, Urmacht aller Zeugung und Geburt. In auffallender Dürftigkeit gibt sich im ersten Augenblick „der Gärten Eden'*, ein karger Rasenfleck, der einen Wasserstrahl unmittelbar von der göttlichenSonne empfängt.DerKünstler fühlte wohl hier unbewußt die Symbolik jener direkten Beziehung, in welche in der jüdischen, Mystik der Garten des Paradieses zum Urquell alles schaffenden Lebens gesetzt ist. Die.; himmlischen Wesen erscheinen im Lichte ge-. schaffen. Die Engel, etwas an Giotto er-, innernd, bilden nur die Fortsetzung derStrahlen., Aber ein Strahl entsendet auch jenen Geist: mit den mächtigen Flügeln, der in einem zur Dunkelheit verlorenen Lichte von dannen schwebt, vielleicht ans andere Ende der Schöpfung. Von köstlicher Frische ist wieder die Erschaffung der Pflanzen und Tiere. Man wird an die Ausdruckskraft und Klarheit alter Holzschnitte erinnert, nur ist diese hier auch Ausdruck in Farben und Klarheit von Luft und Licht. Hier schließen sich die Motive des M e ns c h e n an. Zu diesen möchte ich auch den „Messias** zählen: das Urgebilde der regenbogenartig aus sich quellenden Sphären spaltet und spiegelt sich, und im Mittelpunkte der Gegensphären wird eine winzige Menschengestalt sichtbar — was einer kabbalistischen, tiefsymbolischen Vorstellung entspricht. Ist der Akt der Menschenerschaffung in Wirklichkeit ein doppelter? Denn des' Menschen Erdenform ist wieder gänzlich von Staube gemacht, für sie erscheint die toderfülltesteMenschenf orm, eine von magischem Lichte gehaltene Mumiengestalt, als Vorbild. Ein merkwürdiger Zug tritt am Sündenfall hervor: die Schlange, welche die armen Menschlein siedend ganz umringt. Und als, der Mensch ihrer Macht verfällt, erscheint auch sie ganz zu Boden geworfen, verwandt: jenen Schlangenkreisen, welche auf dem Bilde „Gottes Fluch** den Boden des Abgrunds bilden. Es folgt die „Erschaffung desTodes"K grandios erschaut vor allem in dem Kontraste der Dimensionen, wie da das winzige Menschenpaar zwischen zwei Unendlichkeiten, zwischen der urblauen Ewigkeit und dem eben