Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur materialen und formalen Bestimmung des Nationaljudentums
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 152 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Abraham Schlesinger: Achad Haams*). Bei der vielfachen Verkennung der beiden Lehren erscheint eine ausführlichere Darstellung, besonders der letzten, angezeigt. Dubnow sieht in der Nation „eine kulturhistorische Gruppe, die, kraft ihrer Abstammung und kraft der Bedingungen ihrer Entwicklung, gewisse Charakterzüge, eine gewisse Disposition der intellektuellen und moralischen Fähigkeiten und einen Vorrat an geschichtlichen Traditionen aufweist, die sie insgesamt von anderen gleichartigen Gruppen unterscheiden, — kurz, die eine ausgeprägte kollektive Persönlichkeit darstellt". Solange diese auf dem Wege einer selbständigen Entwicklung zur Ausbildung gelangenden unterscheidenden nationalen Merkmale der Gemeinschaft eigen sind, existiert sie als Nation. Man kann daher sagen: Nation heißt „jedwede Völkerschaft. ., die durch gewisse Phasen einer bewußten historischen Entwicklung in der Vergangenheit hindurchgegangen ist, die ihre eigentümlichen von dieser Vergangenheit überkommenen Interessen in der Gegenwart hat und die ihre Einheit und Sonderart in der Zukunft zu wahren bestrebt ist"**). Solchergestalt bildet die Judenheit ebenfalls eine Nation. Ihre Nationalität beruht, wenigstens gegenwärtig, hauptsächlich auf dem historischen Bewußtsein. „Dasselbe stellt in sich eine außerordentlich tiefe und komplizierte psychische Erscheinung dar, die sich in gleicherweise aus physischen, intellektuellen und moralischen Elementen zusammensetzt, aus Angewohnheiten, Anschauungen, aus Emotionen und Gefühlen besteht, die die tausendjährige Erblichkeit in uns zur Ausbildung gebracht hat"***). Wir Juden „sind die Glieder einer eigenartigen geistig-historischen Nation. . .. Uns verbindet.. . die Gemeinsamkeit der Abstammung, die Gleichartigkeit der geschichtlichen Entwicklung, der Überlieferungen, der Erinnerungen an die Vergangenheit und der Hoffnungen für die Zukunft". Diese „gemeinsamen charakteristischen Züge und Empfindungen, die dem untrennbaren Ganzen, das den Namen Judenheit trägt, eigentümlich sind", konstituieren in ihrer Gesamtheit die jüdische Volksindividualitätf). Die Bewußtseinswirklichkeit der konstituierenden nationalen Merkmale zeigt eine doppelte Gestalt. Sie lassen sich erleben als unanalysiertes, komplexes jüdisches Nationalgefühl, als ein Unmittelbares und Angeborenes. Man kann ihrer aber auch inne werden in Form einer klaren Erkenntnis, der jüdischen Nationalideeft)* Von der jüdischen Nation oder der Judenheit ist zu unterscheiden das Judentum. Es stellt ihr vornehmstes Attribut dar. Die Volksindividualität der Judenheit bedeutet „das Wesen, hingegen das Judentum und die anderen kulturhistorischen und geistigen Faktoren die Attribute derselben"ttt)- Das Judentum» eine umfassende Weltanschauung mit religiösen, historischen, ethischen, kultu- *) Jakob Klatskin verwirrt unnötig die feststehende Terminologie, wenn er in seiner Abhandlung „Grundlagen des Nationaljudentums" (Der Jude, Jahrg. 11916/17, S. 534*1.) welche die ersten drei Kapitel seines inzwischen ejschienenen Buches „Probleme des modernen Juden-* tums" (Berlin ,1918) bildet, allgemein vom geistigen Nationalismus redet und Achad Haam als Hauptvertreter nennt. **) S. Dubnow, Die Grundlagen des Nationaljudentums, S. 27. ***) Dubnow, Die jüdische Geschichte, S. 12 f. f) Die Grundlagen des Nationaljudentums, S. 37. ff) Die jüdische Geschichte, S. 13 ff. ftt) Die Grundlagen usw., S. 38 f.