Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Sache des Landarbeiters
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 110 (sequence 2)
- Language
- German
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110 Berl Katznelsohn: Wünsche und Forderungen, die Aktivität des Gemeinschaftswillens, Der Gemeinschaftswille widerum offenbart sich in der täglichen Arbeit, ernährt und stärkt sie. Die Selbsterkenntnis des Menschen in der Gemeinschaft erschöpft sich nicht in Kritik und Gewissensbissen, sondern besteht auch im gläubigen Vertrauen und in ernster Bewertung der zur Verfügung stehenden Kräfte. Wir lassen zwar die rückschauende Kritik nicht außer acht, aber sie vermag nicht den von uns gestellten Forderungen zu genügen. Wir sind gewohnt, unser Leben strengen Urteilen zu unterwerfen, wir sind von Selbstzufriedenheit weit entfernt; aber setzt das etwa die Sache selbst, die unser Leben erfüllt, die unser Sinnen und Trachten ständig beschäftigt, irgendwie herab? Und obwohl wir unsere Wunden, unsere Schwächen, unsere Winzigkeit niemandem verbergen, so wollen wir doch nicht vergessen, was uns anvertraut worden ist. Persönlich, als aktive Vorkämpfer, den Zionismus tagtäglich in unserem Leben zu verwirklichen und eine freie jüdische Gesellschaft, die von ihrer Arbeit lebt, zu schaffen — diese Aufgabe ist uns vom Schicksal gestellt worden, und diese Lebensaufgabe, die wir uns erwählt haben, gibt selbst den Schwachen Kraft, gibt unserem Willen und unserer Tätigkeit Richtung, macht uns stark an Körper und Geist und verleiht uns Zuversicht und Kühnheit Seit jeher stand der Arbeiter in Palästina allein, niemand kümmerte sich um seine Arbeit, seine materielle Notlage, seine seelischen Leiden, seine Wunden und Krankheiten, sein Leben und Sterben. Nicht nur die „Großen" im Lande, die in ihm eine Gefahr für ihren Geldbeutel, für ihre satte Ruhe und für ihr Ansehen sahen, brachten ihm Hohn und Spott entgegen und verachteten und verfolgten ihn. Auch die besten der jetzt dahingehenden Generation, die geistigen Väter der Wiedergeburt in Palästina und im Galuth, die im Arbeiter ihren Erben hätten sehen sollen, verstanden ihn nicht und nahmen ihm gegenüber eine feindliche Stellung ein. Er war ihnen das Kind einer anderen Zeit und eines anderen Standes. Sollte er der Vorkämpfer der Nation sein, sollte er die ewigen Hoffnungen verwirklichen? Er, der barfüßige Blusenmann? Nein, das konnte man doch nicht glauben! Seine sonderbaren Reden, sein jugendlicher Trotz, sein revolutionärer Geist, sein Draufdrängertum, das alles vernichten wollte, um wieder von vorn anzufangen — all das flößte Furcht ein. Alles, alles in der Gesellschaft, die Wirtschaftsordnung wie die Sitte, versperrten dem Arbeiter den Weg, aber die inneren Hemmungen waren viel größer und gefährlicher als die äußeren. Er mußte Erziehung und Tradition überwinden, gegen Schwäche und Kraftlosigkeit ankämpfen, mußte aus sich heraus Eigenschaften, Kräfte und Willensenergie erzeugen, die weder er, noch seine Eltern und Ureltern gekannt hatten. Und doch gelang es im Laufe der Zeit dem Arbeiter, sich im gewissen Sinne eine Position zu schaffen. Aber verhehlen wir uns trotzdem die bittere Wahrheit nicht: die persönliche Stellung des Arbeiters ist noch lange nicht befestigt, die materiellen Bedingungen seines Lebens sind noch sehr schlechte, die Frage der Familiengründung ist noch nicht einmal annähernd gelöst und untet den gegenwärtigen Arbeitsbedingungen kann man sich auch nur schwer vorstellen, daß ihre Lösung überhaupt möglich wäre. Ja, der Hafen ist noch weit, aber die jüdische Arbeit ist da. Und dieser erste Sieg ist die Voraussetzung für künftige, innere und äußere Siege, die wirtschaftliche Stellung des Arbeiters hängt nicht nur von ihm und seinen eigenen Kräften ab, sondern auch von der